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"Es ist schon bei den Kleinen ein Wettkampf um die Talente"

Beim FC St. Pauli beginnt die Ausbildung für den Leistungsfußball bereits in der U10-U14. Wir haben mit Benjamin Liedtke, dem Sportlichen Leiter für diesen Altersbereich, u.a. über die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Leistungszentren, den Weg vom Jugend- in den Profifußball, aber auch die Arbeit mit den einzelnen Spielern und ihren Eltern abseits des Platzes gesprochen.

Moin Benni,

nach acht Jahren als Trainer im NLZ hast Du im vergangenen Sommer den Posten als Sportlicher Leiter für den Altersbereich U10-U14 übernommen. Wie bewertest Du Deine erste Saison in der neuen Funktion?

Die Arbeit als Sportlicher Leiter ähnelt der des Trainers sehr: Ich habe auch wieder ein Team. Nur besteht es jetzt nicht mehr aus Spielern, sondern aus den Jahrgangstrainern aus dem Grundlagen- und Aufbaubereich. Ich möchte die Trainer ähnlich eng betreuen wie meine Spieler. Meine Trainer bekommen regelmäßig Feedback. Ich unterstütze, sehe mich als Ratgeber, als derjenige, der lobt, aber auch kritisch hinterfragt. Wir verfolgen eine einheitliche Idee und leben die Werte des Vereins. Die Arbeit als Sportlicher Leiter unterscheidet sich jedoch darin, dass es möglich ist, die Erfahrungswerte als Trainer konzeptionell für den gesamten Altersbereich aufzubereiten. Wir konnten verschiedene Themen angehen.

Einer Deiner Hauptansprechpartner ist NLZ-Leiter Roger Stilz – wie funktioniert der Austausch zwischen Euch?

Roger ist als Leiter des NLZ eine große Unterstützung für mich. Wir stimmen uns ständig ab, haben häufig ähnliche Gedanken, tauschen uns aber auch durchaus kritisch aus. Roger hat die besondere Relevanz der jungen Jahrgänge früh erkannt und treibt die Entwicklung stetig voran. Er ist für mich immer ansprechbar. Diese Unterstützung hat mir Möglichkeiten geschaffen, die sicherlich nicht überall selbstverständlich sind. Wir machen Schritte. Darüber freuen wir uns, ruhen uns aber nicht darauf aus. Wir wollen den Grundlagen- und Aufbaubereich zu unserer besonderen Marke machen und uns dadurch noch mehr von anderen Leistungszentren abheben.

Neben dem sportlichen Wettkampf wecken auch immer wieder die Leistungen der einzelnen Spieler Begehrlichkeiten bei der Konkurrenz. Wie nimmst Du diese Entwicklung wahr?

Fußball ist bei den Kleinen tatsächlich ein Markt und ein Kampf um die Talente. Das hat in der Zeit, in der ich noch Trainer war, zugenommen. Wir versuchen Haltung zu wahren, nicht alles mitzumachen und den Eltern und Spielern zu zeigen, warum wir was wie machen und dass wir mit voller Überzeugung dabei sind. Zuletzt war die Rückmeldung, dass viele talentierte Spieler bei uns bleiben und wir nur sehr wenige Spieler verlieren.

Der Weg zum Profifußball ist in diesem jungen Alter ohnehin noch sehr weit. Was ist Dir wichtig in der Arbeit mit den Spielern?

Mir ist insbesondere bei den Jüngsten ein ganzheitlicher Ansatz wichtig – da haben Roger und ich den gleichen Gedanken. Nicht nur der Spieler an sich, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung und das Umfeld sind für die Bewertung von Spielern bedeutsam. Wir wollen unsere Spieler sportlich fordern und fördern, aber auch eine Heimat bieten neben dem Sportplatz. Hier sind Geborgenheit und Vertrauen besonders wichtig. Wir arbeiten mit Kindern und Jugendlichen, die eben dann lernen, wenn sie eine gute Beziehung zu ihren Trainern aufgebaut haben.

Also müssen Trainer in unserem NLZ besonders vielseitig aufgestellt sein?

Der Anspruch an die Trainer ist hoch. Sie sollen nicht nur fachlich gut sein, sondern müssen auch über ihre Persönlichkeit einen Zugang zu den Jungs finden. Innerhalb des vergangenen Jahres haben wir hier große Schritte gemacht. Ich behaupte, dass unsere Trainer fachlich gut sind und eine hohe Sozialkompetenz im Umgang mit den Kindern aufweisen - für mich die optimale Ausgangsbasis für die Arbeit in dem Altersbereich. Viele Familien melden inzwischen zurück, dass sie die Atmosphäre bei uns als besonders familiär wahrnehmen und wir bei unserer Arbeit stark auf die einzelnen Kinder eingehen. Das freut uns enorm!

Im Dezember habt Ihr erstmalig einen großen Elternabend für alle Teams im Bereich U10-U14 im Millerntor durchgeführt. Welchen Stellenwert nimmt bei Euch die Elternarbeit ein?

Die Elternarbeit ist für uns besonders zentral. Die meiste Zeit verbringen die Spieler im häuslichen Umfeld. Häufig wird negativ über den Einfluss der Eltern im Leistungssport berichtet. Ich bin jedoch überzeugt davon, dass alle Eltern nur das Beste für ihre Söhne möchten. Aus dieser Überzeugung heraus ist es mir ein Anliegen, die Eltern noch mehr abzuholen. Ihnen in Elternabenden und Gesprächen zu erklären, welche Ideen wir verfolgen, und mit ihnen gemeinsam die bestmögliche Entwicklung voranzutreiben. Verstehen die Eltern unsere Arbeit, können sie ihren Jungs enorm helfen. Wir haben damit bisher gute Erfahrungen gemacht.

Zurück zum Sportlichen: Blickt man auf die Ergebnisse der Teams im Bereich U10-U14 fällt auf, dass die Spiele häufig außerordentlich deutlich ausgehen. Wie zufrieden bist Du mit der sportlichen Entwicklung der kleinsten Talente?

Die Beobachtung ist korrekt. Die hohen Ergebnisse sind sicherlich auch Ausdruck unserer guten Arbeit, aber auch der Tatsache geschuldet, dass sich die NLZ´s in den letzten Jahren mehr und mehr professionalisiert haben. Die Rahmenbedingungen im Bereich Medizin, Athletik, Pädagogik und Fußballkompetenz, die wir in den vergangenen Jahren geschaffen haben, heben uns klar von den Breitensportvereinen ab. Entsprechend geht die Schere der sportlichen Qualität deutlich auseinander. Die Wettbewerbsstrukturen haben sich im jüngeren Altersbereich kaum verändert. Folge sind die hohen Ergebnisse. In diesem Jahr haben wir unterschiedliche Modelle ausprobiert. In der Halle haben die Teams beispielsweise einen Jahrgang höher gespielt. Trotzdem nehmen wir den aktuellen Spielbetrieb als wenig fordernd und fördernd wahr.

Mit diesem Dauerzustand können die NLZs aber kaum einverstanden sein?

So ist es. Nach Absprache mit dem Fußballverband streben wir an, unseren Spielbetrieb zunehmen selbst zu organisieren. Hier denken wir völlig neu und stehen im Austausch mit anderen Leistungszentren aus dem Norden. Von Kiel bis nach Wolfsburg konnten wir uns auf eine eigene Spielrunde in der U13 als Pilotprojekt einigen. Besonders spannend ist, dass wir uns hier wieder mehr dem Bolzplatzfußball nähern wollen. Weg vom 9-Gegen-9 oder gar 11-Gegen-11 hin zum 7-Gegen-7 ohne großes Regelwerk.

Die Trainer der U10-U14 von links nach rechts: Max Brockmann (U10), Philip Hauswerth (U11), Michel Welke (U12), Mac Mensah (U13) und Thorben Sahs (U14).

Die Trainer der U10-U14 von links nach rechts: Max Brockmann (U10), Philip Hauswerth (U11), Michel Welke (U12), Mac Mensah (U13) und Thorben Sahs (U14).

Du hast von der zunehmenden Professionalisierung des Leistungszentrums gesprochen. Steht diese nicht im Widerspruch zu der Bolzplatzmentalität?

Hier bewegen wir uns in einem Spannungsverhältnis. Wir wollen anders sein als andere Leistungszentren. Die Professionalisierung und die zunehmende Bedeutung des Fußballs innerhalb der Gesellschaft wird sich in den nächsten Jahren nicht umkehren, aber wir wollen auch die Bolzplatzmentalität fördern. Die Kinder sollen sich in Spielformen bewegen, die möglichst wenig vorschreiben. Ich habe ein klares Bild von Spielern aus dem Nachwuchsleistungszentrum des FC St. Pauli im Kopf. Ich möchte Spieler, die rebellisch, wild, laut und unkonventionell sind – und sich trotzdem mit Respekt begegnen. Mit dieser Haltung, die wir bei uns leben, nehmen wir eine Sonderstellung ein. In den letzten Jahren durfte ich als Trainer bei vielen Turnieren national und international unterwegs sein. Über die Jahre ist mir aufgefallen, dass genau diese Haltung verloren gegangen ist. Zu häufig stehen das nackte Ergebnis und die Disziplin im Vordergrund. Etwas womit ich mich in diesem Altersbereich nicht arrangieren kann. Sowohl die Spieler als auch die Eltern wissen das zunehmend zu schätzen. Trotz der großen Konkurrenz durch andere Leistungszentren können wir unsere Talente an uns binden.

Aktuell ist unser Nachwuchsleistungszentrum auf zwei unterschiedliche Standorte aufgeteilt. Am Brummerskamp haben die Teams von der U10-U15 und an der Kollaustraße die Teams U16-U23 ihre Heimat. Ist diese Aufteilung ein Nachteil?

Ich habe diese Aufteilung bis dato nicht als Nachteil wahrgenommen. Der Brummerskamp macht auf den ersten Blick nicht den schönsten Eindruck. Schaut man genau hin, stellt man fest, dass auch hier wahre Schönheit von Innen kommt. Wir haben alles, was wir für unsere Jungs brauchen. Einen Kunstrasenplatz der neusten Generation, Behandlungsräume, Arbeitsräume, ausreichend Kabinen und Besprechungsräume für Spielergespräche und Elternabende. Ich muss auch ganz ehrlich sagen, dass dies Bedingungen sind, die nicht jedes NLZ für ihre kleinsten Teams zur Verfügung stellen kann. Außerdem finde ich es gut, dass die Jungs hier nicht das Gefühl bekommen, dass sie sich in einem Fünf-Sterne-Palast befinden und den Eindruck bekommen, sie hätten es schon geschafft. Die Atmosphäre bei uns fördert die Demut.

 

(hbü/ms)

Foto: FC St. Pauli 


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