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„Mein Ziel ist auch Dein Ziel“

Stephanie Goncalves Norberto ist seit dem Jahreswechsel die neue sozialpädagogische Leiterin des Nachwuchsleistungszentrums (NLZ) unseres FC St. Pauli. Wir sprachen mit der 28-Jährigen über ihre erste Zeit im NLZ, ihren sozialpädagogischen Ansatz und die Bedeutung ihrer Arbeit.

Moin Stephanie, Du bist nun seit dem 1. Januar beim FC St. Pauli. Welche Eindrücke konntest Du seitdem sammeln?

Die erste Zeit war turbulent, da ich angefangen habe, als die Zertifizierung des Nachwuchsleistungszentrums vorbereitet wurde. Zum Glück wurde ich vorab darüber informiert (schmunzelt). Dennoch habe ich mich gut aufgehoben gefühlt, weil mich die neuen Kollegen aus dem NLZ an die Hand genommen haben und ein offenes Ohr für meine Fragen hatten.

Wie hat sich die Zusammenarbeit zwischen dem FC St. Pauli und Dir entwickelt?

Ich kann mir leider keine romantische Geschichte ausdenken. Ich habe mich ganz einfach beworben und wurde erfreulicherweise von Roger Stilz eingestellt. Ich arbeite seitdem ich in Hamburg bin mit minderjährigen unbegleiteten geflüchteten Jugendlichen und habe nun auf Teilzeit gewechselt, um mich umzuorientieren

Warum hast Du Dich für den FC St. Pauli entschieden?

Im NLZ des FC St. Pauli die pädagogische Leitung zu übernehmen, war für mich ein sinniger und bewusster Schritt in meiner beruflichen Karriere. Seit Kind auf bin ich fußballbegeistert! Mit 13 Jahren war ich einige Jahre in der Fußballmannschaft meiner damaligen Schule. Seit 2015 bin ich beim Kunst- und Kulturfestival „Millerntor Gallery“, initiiert von Viva con Agua und dem FC St. Pauli, ehrenamtlich tätig. Dadurch habe ich den Verein kennen und lieben gelernt. Das Zusammenspiel zwischen dem konzeptionellen Bereich, der Jugendarbeit und dem Fußball finde ich spannend und ich bin froh diesen Weg eingeschlagen zu haben.

Was waren Deine ersten Schritte?

Ich habe sehr schnell das Gespräch mit den Jungs gesucht. Das war natürlich sehr spannend und mir sehr wichtig, da ich den direkten Kontakt mit den Jugendlichen schätze und für essentiell halte. Auf der anderen Seite habe ich mich in die Konzepte des NLZ eingelesen, diese auf Aktualität geprüft und überlegt, wie ich diese in Zukunft auffrischen oder modifizieren kann. Dabei ist es ein Ziel von mir, auch im pädagogischen Bereich eine verlässliche Struktur zu schaffen. Da haben wir noch Luft nach oben. Darüber hinaus habe ich versucht, mich zu orientieren und sehr viel beobachtet, um ein Gefühl für das NLZ zu bekommen-

Wie sieht so ein erstes Gespräch mit einem Nachwuchsspieler aus?

Für mich ging und geht es darum, die Jungs kennenzulernen. Das mache ich gerne in einer lockeren Atmosphäre, um das Eis zwischen uns zu brechen. Mir ist es wichtig, in den ersten Gesprächen ein paar grundlegende Dinge über den Menschen herauszufinden. Wo steht er eigentlich im Leben? Was ist ihm wichtig? Welche Prioritäten haben Dinge abseits des Fußballs? Welche Rolle spielt die Schule in seinem Leben? Diese Fragen versuche ich gemeinsam mit dem Spieler zu beantworten und darüber etwas über ihn zu erfahren.

Was ist grundlegend Deine Aufgabe im NLZ?

Ich versuche es mal in der Kurzform: Meine Aufgabe ist es, dass es neben dem Platz gut läuft, damit die Jungs auf dem Platz einen klaren Kopf haben. Dazu gehört die Führung des Jugendtalenthauses und die duale Karriereplanung. Ich bin die Ansprechperson für unsere Kooperationsschule und begleite Spieler in ihrem gesellschaftlichen und sozialen Kontext. Zudem bin ich für die zukünftige Strategie in der Pädagogik des NLZ verantwortlich. Weiter bin ich verantwortlich für die Präventionsarbeit. Hierzu gehören u.a. die Bereiche Doping, Spielsucht, Drogen und Rassismus. Wir wollen Aufklärungsarbeit leisten. Die Nachwuchsspieler haben ja nicht nur sportliche Ziele, sondern sollen sich eben auch als Mensch weiterentwickeln. Dabei frage ich die Jungs, wo der Schuh drückt und biete ihnen an, sie zu unterstützen. Man darf nicht vergessen, dass die Jungs zwar Nachwuchsspieler sind, jedoch in erster Linie einfach nur Menschen und dazu noch Jugendliche sind die in einer sehr sensiblen Phase ihres Lebens. Und dann bin ich da und helfe ihnen.

In welchem Altersbereich des NLZ bist Du tätig?

Die pädagogische Arbeit beginnt für mich aktuell bei der U13 und geht hoch bis zur U23.

Was möchtest Du in der Arbeit mit den Jungs erreichen?

Mein größtes Ziel in meiner Arbeit ist es, die Jungs in Balance zu bringen oder zu behalten. Das heißt für mich, dass ihnen im alltäglichen Spannungsfeld Schule, Fußball, Freizeit und Familie eine gute Organisation gelingt.

Wie sieht kreative Arbeit mit den Jungs ganz konkret aus?

Beispielweise möchte ich es vermeiden, nicht nur Frontalgespräche zu führen. Es ist wichtig, dass sich der Spieler wohl fühlt. Erst dann öffnet er sich. Dementsprechend ist es entscheidend, dass das Raumgefühl ein positives ist. Ich wähle das Setting bewusst.

Was gibt es noch?

Beim FC St. Pauli wollen wir den Jungs natürlich auch unsere Werte vermitteln. In der Zukunft möchte ich gerne mit vereinsnahen Projekten kooperieren. Gerade unser Verein bietet hierzu viele Möglichkeiten. Die Jungs müssen aktiv erleben, dass der FC St. Pauli nicht nur ein reiner Fußballverein ist. Er ist viel mehr.

Nicht jeder Jugendfußballer wird Profi. Wie wichtig ist die duale Karriereplanung?

In erster Linie ist es ein Sicherheitsgefühl. Es geht darum, nicht nur zu erzählen, dass ein zweites Standbein wichtig ist, sondern den Jungs dabei aktiv zu helfen. Wir reden nicht nur, sondern handeln und zeigen damit, dass wir uns der sozialen Verantwortung bewusst sind. Wir und die Spieler im NLZ wissen, dass nicht jeder Profi wird. Deswegen unterstützen wir die Jungs dabei, damit sie, sollte es nicht so laufen wie gewünscht, nicht aufgeschmissen sind.

Wie schätzt Du die Wichtigkeit Deiner Arbeit mit jungen Spielern ein?

Sie ist unerlässlich. In erster Linie sind die Jungs Menschen und dann erst Fußballspieler. Wenn die Entwicklung des Menschen nicht stimmt, dann kann es mit dem Fußballspielen meiner Meinung nach auch nicht klappen.

Was sollen die Jugendlichen über die Arbeit mit Dir sagen?

Ich möchte, dass sie mich respektieren und mir vertrauen. Und dann möchte ich, dass sie meine Hilfestellungen, meine ehrlichen Rückmeldungen, meinen Einsatz und meine unbekümmerte Art, mich auf jeden der Jungs einzulassen, für sich als Mehrwert ansehen. Sie sollen sagen können, dass alle ihre Anliegen bei mir gut aufgehoben sind.

Wie ist Dein täglicher Kontakt zu den Kollegen aus dem NLZ?

Ich bin natürlich in engem Austausch mit den Trainern. Mir ist dabei eine Sache klargeworden: Trainer sein, bedeutet Pädagoge sein (schmunzelt). Das gefällt mir sehr gut. Dadurch muss ich nicht um meinen Bereich kämpfen oder mich gesondert profilieren. Die Trainer kommen auf mich zu und sprechen mit mir über Ihre Jungs. Das zeigt mir, dass sie meinen Bereich wertschätzen. In der Spieler-Projekte-Sitzung, die wöchentlich stattfindet, bin ich fester Bestandteil der Gruppe. Dabei wird über einzelne Spieler ausführlich gesprochen. Ich kann natürlich auch selbst Spieler zum Thema in diesem Meeting setzen. Das finde ich immer konkret und gut. Außerdem bin ich auch im engen Austausch mit den Kollegen aus der Sportpsychologie. Pädagogik und Sportpsychologie reichen sich in vielen Bereichen die Hand. Daher ist es gut und wichtig, sich auszutauschen. Auch um eine andere Perspektive auf eine eventuelle Problemstellung zu schaffen.

Was ist für Dich ein Erfolg?

Erfolg ist für mich, wenn der Spieler es schafft, Schule, Fußball, Freizeit und Familie unter einen Hut zu bekommen.  

Danke für das Gespräch, Stephanie!

 

(lf)

Foto: FC St. Pauli

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