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Heiligabend 1972: Plastikbaum und Froschschenkel in Indonesien - legendärer Trip nach Ostasien

Unsere Kiezkicker befinden sich aktuell allesamt in der Winterpause. Vor 45 Jahren, in der Winterpause der Saison 1972/73, legte die Mannschaft des damaligen Cheftrainers Karl-Heinz Mülhausen die Beine nicht hoch, im Gegenteil: Die Kiezkicker setzten sich für eine dreiwöchige Ostasien-Reise in den Flieger.

So wirklich verdient gehabt hätten sie diese am 21. Dezember 1972 am Frankfurter Flughafen gestartete Reise eigentlich nicht. Einen Tag zuvor nämlich war St. Paulis Zweitligateam als Regionalligameister im DFB-Pokal-Rückspiel nebenan beim Bundesligisten Kickers Offenbach mit 0:3 untergegangen und gab damit, zehn Tage nach dem 3:1-Heimerfolg, in der ersten Hauptrunde doch noch das Ruder aus der Hand. Nun machte sich eine 25-köpfige Reisegruppe (darunter 18 Spieler) auf, um Landschaft, Kultur und vor allem Sportwelt Indonesiens, Thailands und Hongkongs zu erkunden. Geschäftsführer Walter Windte betonte dabei von Anfang an, dass die Tour als „reine Vergnügungsreise dienen“ sollte, auch wenn so ganz nebenbei sechs Fußballpartien zu absolvieren waren. In der 75-Jahre-Vereinschronik des FC St. Pauli wurde die Reise im Nachhinein als „absoluter Höhepunkt in der Vereinsgeschichte“ bejubelt.

Fußball wurde auf der Ostasien-Reise auch gespielt - und zwar nicht zu knapp

Fußball wurde auf der Ostasien-Reise auch gespielt - und zwar nicht zu knapp

Um die ganz großen Überraschungen von vornherein auszuschließen, hatte Vereinspräsident Ernst Schacht die Route vorab bereits einmal abgeflogen. Doch als die Maschine am 22. Dezember in Thailands Hauptstadt Bangkok landete, war das Staunen dennoch groß: Fast 40 Grad im Schatten und eine Luftfeuchtigkeit von annähernd 100 Prozent. Nicht unbedingt das beste Fußballwetter für Spieler, die direkt aus dem winterlichen Deutschland angereist waren. So vergeigte man am 24. Dezember auch gleich die erste Partie gegen die indonesische Nationalmannnschaft vor 50.000 Zuschauern im zweieinhalbtausend Kilometer von Bangkok entfernten Jakarta mit 2:4. Nach einer anderen Begegnung klagte Abwehrmann Manfred Waack: „Als Werner Greth ein Tor schoss, bin ich diagonal über den Platz gelaufen. Danach hätte man mich auswringen können.“

Aber nicht nur das Klima, auch der ungewöhnliche Heiligabend in Indonesiens Hauptstadt blieb den Akteuren bleibend in Erinnerung: Kunststoff-Weihnachtsbäume, permanentes „Stille Nacht“-Gedudel, und statt Gans mit Rotkohl wurden Froschschenkel und Steaks aufgetischt. Auch das Nachhause-Telefonieren erwies sich als schwierig bis unmöglich. Und bei den Alternativen Postkarte und Brief musste schon akribisch vorgegangen werden: „Wenn die Briefmarken nicht direkt beim Postamt abgestempelt wurden, hatten die Indonesier schnell den Bogen raus, lösten sie von den Karten und verkauften sie zum halben Preis“, erzählte Mannschaftskapitän Horst Wohlers später.

Präsident Ernst Schacht (2.v.l.) bei der Ankunft in Jakarta

Präsident Ernst Schacht (2.v.l.) bei der Ankunft in Jakarta

Das zweite Freundschaftsspiel führte das Team in Indonesiens zweitgrößte Stadt, nach Surabaya im Osten der Insel Java, und lebte mit dem Handicap, dass bereits jetzt Montezumas Rache erbarmungslos bei den Wessis zugeschlagen hatte. „Mehr als tausend Medikamente habe ich verabreichen müssen“, erinnerte sich Teamdoc Ulrich Mann. Auch Offensivler Ulrich Schulz berichtet später mit Schrecken: „Du hast ja den Hintern zusammengekniffen, damit du einigermaßen laufen konntest.“ Für Trainer Karl-Heinz Mülhausen bestand die besondere Herausforderung also darin, elf einigermaßen fitte Spieler gegen den mit sechs Nationalspielern gespickten Persebaya-Klub auf den Platz zu bringen. Den dänischen U21-Nationaltorwart Benno Larsen musste der Coach dabei sogar als Mittelstürmer einsetzen. Eine unglückliche Entscheidung, denn Larsen riss sich ein Außenband und musste tags darauf eingegipst zurück nach Europa geflogen werden. Immerhin endete das Match vor etwa 15.000 Interessierten mit 4:2 für den FC St. Pauli.

Nun ging es für die dritte Partie in den Südosten der Insel Sumatra, wo man gegen den indonesischen Meister PSMS Medan anzutreten hatte. „Ich weiß nicht, ob der Pilot uns verarschen wollte, aber das war die Hölle“, fasste Stürmer Horst Neumannn im Jubiläumswerk „FC St. Pauli. Das Buch“ 38 Jahre später den abenteuerlichen Inlandsflug prägnant zusammen. Immerhin muss diese Exkursion die Kiezkicker aufgerüttelt haben, denn der Landeschampion sah beim 6:0-Erfolg der Kiezkicker keine Schnitte.

Zwei Tage vor Silvester landete die Reisetruppe in der britischen Kronkolonie Hongkong, wo zwei Partien angesetzt waren. Zunächst ging es am 31. Dezember vor über 11.000 Besuchern gegen eine Spielgemeinschaft aus Tabellenführer Siu Fong und Ligakonkurrent South China (3:0 für unseren FCSP), ehe man im neuen Jahr zur zweiten Partie im Stadtstaat gegen das chilenische Spitzenteam Unión Española aufzulaufen hatte. 25.000 Zuschauer sahen die 1:3-Schlappe der noch immer Jetleg-geplagten Millerntorkicker. Unter ihnen auch Jürgen Roland und Hans-Joachim Fuchsberger, die vor Ort gerade den Spielfilm „Das Mädchen von Hongkong“ drehten. Bayern-Fan Fuchsberger sah einen FC St. Pauli, der an diesem Tag „im Angriff zu wenig gebracht“ habe.

Für die Abschlusspartie flog die Delegation am 9. Januar zurück nach Bangkok, wo man vor lediglich 1.000 Zuschauern gegen eine Stadtauswahl abermals ein 4:2 feierte. Drei dieser vier Treffer erzielte Goalgetter Franz Gerber, der zum Ausklang der langen Ostasienreise außerdem seinem Spitznamen „Schlangen-Franz“ noch alle Ehre machte. Der schon als Fünfjähriger von seinem Vater mit seiner ersten Ringelnatter Beschenkte sorgte nämlich auf dem Rückflug am 12. Januar für helle Aufregung: Nicht weniger nämlich als zwei mutmaßlich selbstgefangene Giftschlangen vom Schlage Baumviper und Kobra hatte Gerber in seinem Handgepäck verstaut. Als Präsident Schacht im Flugzeug davon Wind bekam, soll Gerber versichert haben, die Reptilien in die Bordtoilette geworfen zu haben. Offensichtlich eine Notlüge, denn Mitspieler Neumann beklagte später „nur noch im Schneidersitz“ auf seinem Platz verharrt zu sein.

Schreck und Strapazen waren dann aber am Ende wohl doch nicht ganz so groß, denn bereits am 14. Januar, nur einen Tag nach der Ankunft in Hamburg, besiegte man im Wilhelm-Koch-Stadion vor 2.800 Fans den OSV Hannover mit 3:2.

Für finanzkräftige Groundhopper wurde eine Mitfluggelegenheit angeboten.

Für finanzkräftige Groundhopper wurde eine Mitfluggelegenheit angeboten.

Text: Ronny Galczynski

Fotos: Archiv 1910 e.V. / Witters

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