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Das Leben im Jugendtalenthaus: "Wie eine Art Ersatzfamilie"

Das Jugendtalenthaus im Hamburger Stadtteil Schnelsen wirkt von draußen wie ein ganz normales Zuhause. Und das ist es auch. Für acht Nachwuchsspieler unseres FC St. Pauli und Pädagogin Linda Streich, die gemeinsam mit den Jungs im Haus wohnt. Wir haben uns mit ihr über das Alltagsleben im Haus, den Unterschied zu einem Internat oder auch die unterschiedlichen Bedürfnisse der Jugendlichen unterhalten.

Moin Linda, Du wohnst im Moment gemeinsam mit sieben Nachwuchsspielern im Jugendtalenthaus. Was hat Dich an dieser Aufgabe besonders gereizt?

Ich habe soziale Arbeit studiert und dazu über fünf Jahre Arbeit in dem Bereich gemerkt, dass ich am liebsten mit Jugendlichen arbeite. Das habe ich in den unterschiedlichen Einrichtungen, in denen ich zuvor gearbeitet habe, erkannt.

Also musstest Du nicht lange zögern, Dich zu bewerben?

Überhaupt nicht. Ich habe im Stadtteil gewohnt, war eh schon Fan vom Verein und habe mich immer mit Fußball beschäftigt. Fußball, Jugendliche und der FC St. Pauli – als die Stelle ausgeschrieben war, war schnell klar, dass ich mich bewerbe. Ich war eigentlich nicht mal auf der Suche, aber habe mich einfach mal beworben. Das hat scheinbar ganz gut funktioniert.

Du bist erst in diesem Jahr in das Haus gezogen und kamst in eine bestehende Wohngruppe. Wie war der Aufnahmeprozess für Dich?

Der Anfang war schleichend. Ich bin zwar schon im Juli eingezogen, habe aber zu dem Zeitpunkt noch bei meiner alten Arbeitsstelle gearbeitet und hier erst im Oktober so richtig angefangen. Das war aber auch ganz gut, weil wir uns aneinander gewöhnen konnten. Die Jungs waren super offen, auch wenn sie mit Lennart, meinem Vorgänger, ein sehr intensives Jahr hatten und es daher schon eine Umgewöhnung war. Mittlerweile kennen wir uns aber ganz gut und haben uns aneinander gewöhnt. Das geht ja auch ganz schnell, wenn man zusammen wohnt.

Du bist ja nicht dafür da, den Jungs morgens ihre Schulbrote zu schmieren. Was sind Deine Aufgaben im JTH und wie würdest Du sie interpretieren?

Das sind verschiedene Bereich, die ineinandergreifen. Zum einen eine gewisse Alltagspädagogik, wo es unter anderem um die Verselbstständigung und Eigenverantwortlichkeit der Jungs geht. Ja, ich bin zwar hier und ihre Ansprechpartnerin, aber ich ersetze kein Elternteil oder eine Schwester. Wir haben uns pädagogische Ziele gesetzt, die wir durch individuelle und Gruppenmaßnahmen erreichen wollen. Ich begleite Termine, kümmere mich um Regulierungen, organisiere mit den Jungs Termine, achte darauf dass die Mitwirkungspflicht eingehalten wird und leiste Elternarbeit, indem ich regelmäßig mit den Eltern im Kontakt stehe und zweimal im Jahr einen Elternabend organisiere. Ich versuche, den Gesamtblick auf das Haus zu behalten und schaue, dass die Jungs mit Unterstützung von mir und den weiteren Pädagogen, ein selbständiges Leben führen. Dafür haben wir unsere regelmäßigen pädagogischen Dienstbesprechungen, wo wir neben Alltagsthemen auch die Entwicklung der Spieler besprechen.

Für die Eltern ist es bestimmt auch nicht immer einfach, wenn ihr Kind weit weg von zu Hause ist. Wie kann man sich Deinen Austausch mit ihnen vorstellen?

Also gerade bei den Jüngeren oder denen, die neu im Haus sind, ist der Kontakt nochmal enger. Die Jungs sind keine 18 und gehen studieren, sondern 15 oder 16 und gehen in eine andere Stadt, um dem Leistungssport nachzugehen. Das ist für die Eltern schon eine plötzliche Umstellung. Wir telefonieren viel, schreiben bei WhatsApp oder unterhalten uns bei Spielen und wenn sie am Wochenende ihre Kinder herbringen. Für sie ist es wichtig, dass ich erreichbar bin, aber auch ich habe Fragen, weil es schließlich ihre Kinder sind, die sie besser kennen als ich. Bei Schulentwicklungsgesprächen ist es zum Beispiel auch so, dass ich dort mit den Eltern gemeinsam hingehe. Das Thema Schule ist uns im Jugendtalenthaus sehr wichtig. Mit unserer Kooperationsschule stehen wir im ständigen Kontakt. Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und haben die schulischen Themen der Jungs im Blick.

Unsere Nachwuchsspieler beim Weihnachtsessen im Jugendtalenthaus.

Unsere Nachwuchsspieler beim Weihnachtsessen im Jugendtalenthaus.

Neben den vielseitigen Gesprächen wird im JTH ein großer Aufwand betrieben. Was wird den Jungs in ihrem Alltag geboten?

Es ist ein Aufwand, der sich lohnt und wichtig ist. Wir kümmern uns und wenn alles gut läuft, leben die Jungs einige Jahre im Haus. Sie ziehen als Kinder in das Haus ein und ziehen als Erwachsene aus. Dieser Verantwortung muss man sich bewusst sein. In der Schule nehmen sie am Schulprojekt teil. Vormittags haben sie Schultraining mit unseren Trainern, nachmittags haben sie in der Schule mit vereinseigenem Personal eine Hausaufgabenbetreuung. Da sind wir in einem engen Austausch. Hier bei uns im Jugendtalenthaus gibt es Mitarbeiter und Betreuer. Es wird jeden Tag für die Hausbewohner und die Tagesspieler frisch gekocht. In den Schulferien finden Kochworkshops statt, um sie in ihrer Selbständigkeit zu fördern. Ein Mitarbeiter ist für die Erhährungsthemen verantwortlich. Mein Kollege und ich für das Pädagogische im Alltag, wie zum Beispiel die Teilnahme an der Kaffeetafel für Bedürftige im Millerntor Stadion.

Sieben unterschiedliche Jungs, bedeutet sieben unterschiedliche Charaktere. Wie ist der Zusammenhalt zwischen den Bewohnern?

Ich finde es bewundernswert, wie die Jungs es schaffen, sich aufeinander einzustellen. Jedes Jahr gibt es Auszüge oder Wechsel zwischen den Häusern und dieses Mal bin auch ich noch zusätzlich dazugekommen. Die Jungs kennen sich alle vom Verein, kennen sich daher gut und sehen das Haus, das sagen sie auch so, als eine Art Ersatzfamilie. Sie haben alle das gleiche Ziel und den gleichen Rhythmus. Deswegen halten sie schon gut zusammen und funktionieren als Gruppe ganz gut.

Die Jungs sind alle in einem Alter, wo es auch mal zu Konflikten kommt. Wie geht Ihr damit um, wenn es Streitigkeiten gibt?

Klar, gibt es Streitigkeit. Das ist in dem Alter normal und passiert. Wir versuchen, über Ausflüge oder Teamabende einmal im Monat die Jungs einander näherzubringen. Wenn es mal zu Konflikten kommt, ist es halt wichtig, dass man miteinander redet. Das geben wir ihnen auch mit. Kommunikation ist das A & O. Wenn es Stress gibt, setzt man sich zusammen, spricht darüber und versucht, eine Lösung zu finden. Unsere Aufgabe als Pädagogen ist es dann, zu schauen ob das Thema tatsächlich geklärt ist und die Jungs zu unterstützen.

Das Jugendtalenthaus wirkt weniger wie ein Internat, sondern viel mehr wie eine WG. Was sind die Vorteile daran?

Es ist für alle familiär und überhaupt nicht anonym. Es ist klein und kuschelig. Für viele wirklich eine Art Zuhause in Hamburg. Der größte Vorteil für die Jungs ist hier ein Ruhepunkt. Sie haben alle einen Alltag, der von Montag bis Sonntag durchstrukturiert ist. Hier haben sie die Möglichkeit abzuschalten.

Eine Besonderheit ist, dass neben den sieben festen Talenthausbewohnern auch noch weitere Tagesspieler dazukommen. Wie werden sie in das Hausleben integriert?

Sie sind unsere Tagesspieler, weil sie unsere Kooperationsschule besuchen und einen zu weiten Weg nach Hause haben. Wir möchten sie entlasten und geben ihnen die Möglichkeit, im Jugendtalenthaus zu essen und zur Ruhe zu kommen. Sie haben zunächst keine feste Aufgabe. Aber klar, wer mittags hier isst, stellt auch seinen Teller in die Spülmaschine. Sie sollen schon darauf achten, dass alles aufgeräumt und wohnlich bleibt. Sie haben hier die Möglichkeit, nochmal runterzufahren. Gerade bei dem Wetter spielen wir aber auch gerne Karten zusammen, helfen bei der Weihnachtsdeko mit und wenn es passt, sind sie auch bei Gruppenaktivitäten gerne dabei.

Über das ganze Jahr plant Ihr unterschiedliche Maßnahmen. In der Weihnachtszeit rückt Ihr noch etwas näher zusammen. Was habt Ihr Euch im Dezember einfallen lassen?

Verschiedene Sachen. Die Jungs leben nicht mehr Zuhause und die Tagesstruktur ist eine andere. Uns sind Rituale sehr wichtig, um den Jungs Stabilität zu bieten. Große Maßnahmen sind im Haus nicht immer umsetzbar, weil alle unterschiedlich Training oder Schule haben. Wir haben schon Plätzchen gebacken, Weihnachtsbäume geschmückt, ich habe für beide Häuser einen Adventskalender gemacht und an trainingsfreien Tagen machen wir gemütliche Sachen. Wie zum Beispiel Spielabende. In der letzten Schulwoche, bevor alle nach Hause fahren, findet noch ein gemeinsames Weihnachtsessen statt.

Wenn Du Dir von den Jungs für 2020 etwas wünschen würdest, was wäre es?

Bitte einen Derbysieg mit nach Hause zu bringen! Das hat in der Hinrunde, abgesehen von den Profis, noch nicht so gut geklappt. Außerdem möchte ich, das liegt auch mit an mir, dass wir ein gemeinsames Frühstück etablieren. Wer frühstückt schon gerne früh vor der Arbeit oder Schule? Wir kennen das alle. Generell finde ich es schön, das ist aber bereits der Fall, wenn weiterhin viel gelacht wird und die Stimmung im Haus gut ist.

 

(ms)

Fotos: FC St. Pauli

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