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"Drei Stunden vor dem wichtigsten Spiel der Saison haben wir auf dem Flur getanzt"

Der FC St. Pauli hat keine Vitrine voll mit DFB- oder Europapokalen, dennoch stehen in der Vereinshistorie einige Erfolge zu Buche. Dazu gehört auch der Aufstieg in die 1. Bundesliga am Ende der Saison 2009/10. Nach dem 4:1-Erfolg bei der SpVgg Greuther Fürth am 2. Mai 2010 machten unsere Kiezkicker diesen am vorletzten Spieltag perfekt. Wir haben das zehnjährige Jubiläum zum Anlass genommen, um mit Mathias 'Matze' Hain und Timo 'Schulle' Schultz die Erinnerungen an die Partie in Fürth aufleben lassen. Im Gegensatz zu Schulle kann sich Matze nicht mehr an allzu viel erinnern, er musste vor zehn Jahren nach gerade einmal 13 Minuten aufgrund einer schweren Kopfverletzung ausgewechselt werden.

Moin Matze und Schulle! Am Sonnabend (2.5.) steht das 10-jährige Aufstiegsjubiläum an. Beschreibt doch mal: Was für eine Truppe hat damals den Aufstieg geschafft?  

Schulle: Wir waren ein Haufen voller Bekloppter. Das weiß inzwischen auch jeder. Ich war noch nie mit einer Horde auf dem Platz, die nur aus Gescheiterten bestanden hat. Ich glaube, dass es deswegen auch so gut funktioniert hat. Mit Stani hatten wir jemanden, der das alles in eine Form gegossen hat. Es hat dann eine Dynamik angenommen – das hat richtig Spaß gemacht! 

Matze: Ich kann das so absolut bestätigen. 

Ihr habt eine sensationelle Saison gespielt und seid mit einem 6:1-Heimsieg gegen Koblenz im Rücken nach Fürth gefahren. Da hattet Ihr die Möglichkeit, den Aufstieg einzutüten. Wie war die Stimmung bei Euch, vor allem am Spieltag selbst? 

Matze: Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, in welchem Hotel wir überhaupt waren. Bei mir kam die Erinnerung erst Wochen später zurück. Was mich tatsächlich am meisten beeindruckt hat, war die Art und Weise, mit der wir uns auf das Spiel vorbereitet haben. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich habe ne Menge Spiele erlebt, in denen es um alles ging. Für uns war das Spiel in Fürth wie eines von zwei Finalspielen, wir hatten danach ja noch das Heimspiel gegen Paderborn. Nach dem Mittagessen war Ruhe und irgendwann wurde ich durch Musik geweckt. Die kam aus irgendeinem Ghettoblaster. David Hasselhoff lief über den kompletten Flur. Ich habe nur gedacht: Was ist hier denn jetzt los?! Wir müssen uns auf das Spiel vorbereiten, wer macht da so einen Mist? Ich wollte mich schon völlig aufregen, gehe raus auf den Gang und dann tanzen der Ebbers und einige andere Jungs da rum. Ich musste mich entscheiden: Entweder verweigere ich mich oder ich mache mit. 

Wofür hast Du Dich dann entschieden? 

Matze: Für Letzteres. Und das war auch gut so (lacht). 

Schulle: Das war sinnbildlich für die Mannschaft. Ebbe und Flo hatten ihre Beatbox eigentlich immer an und haben alle damit geweckt. So auch in Fürth. Drei Stunden vor dem für uns wichtigsten Saisonspiel, für einige sogar dem wichtigsten Spiel in der Karriere, haben wir auf dem Gang getanzt. Man kann das wohl Flow nennen. Wenn du im Flow bist, dann machst du sowas schon mal. In Bielefeld hättet Ihr das in all den Jahren, wo es nach oben oder unten ging, nicht gemacht, oder Matze? 

Matze: Da sah Vorbereitung anders aus. Immer ernst und fokussiert, was ja eigentlich auch normal ist. 

Marius Ebbers sorgte nicht nur im Flur des Hotels für Stimmung, sondern wenige Stunden später auch auf dem Rasen. Hier erzielt Ebbers das zwischenzeitliche 2:1 für unsere Kiezkicker.

Marius Ebbers sorgte nicht nur im Flur des Hotels für Stimmung, sondern wenige Stunden später auch auf dem Rasen. Hier erzielt Ebbers das zwischenzeitliche 2:1 für unsere Kiezkicker.

Bestens vorbereitet ging's also in das Spiel, in dem in der ersten Halbzeit zwei Dinge passieren, an die man sich erst einmal erinnert.

Schulle: Stimmt nicht. Matze erinnert sich an gar nichts (lacht).

Matze, kannst Du Dich wirklich an nichts mehr erinnern? 

Matze: Für mich ist es eine total blanke Stelle. Etwas Ähnliches mit einer totalen Ohnmacht hatte ich schon mal in meiner Bielefelder Zeit. Wenngleich nicht mit einer solch offenen Verletzung, dafür aber mit mehreren Knochenbrüchen. Da hatte ich anfangs auch eine Amnesie, es kam aber nach und nach alles wieder. An das Spiel in Fürth kann ich mich aber gar nicht mehr erinnern. Nur wenige Erinnerungen, das Frühstück, das Mittagessen und die Geschichte auf dem Flur, sind zurückgekommen. Alles andere danach im Stadion ist gelöscht. Das kam nie wieder und jetzt nach zehn Jahren brauche ich auch nicht mehr zu hoffen, dass sich das noch mal ändert.  

Wie hast Du denn vom Spielverlauf und Ergebnis erfahren? 

Matze: Ich bin mit 'Wolli' Wollmann ins Krankenhaus gefahren und war heilfroh, dass er dabei war. Wolli hatte gefühlt schon drei Weltkriege überlebt und eine innere Ruhe, die auf mich ausgestrahlt hat. Die Ärztin kam rein, hat sich das angeschaut und war dann sehr ehrlich (lacht). Mir ist erst in dem Moment klargeworden, wie ich überhaupt aussehe. Bis dahin hatte ich mich ja gar nicht gesehen. Erst dann konnte ich mir vorstellen, wie es um mich bestellt war. 

Mathias Hain muss nach einem Zusammenprall mit Fürths Stephan Fürstner verletzungsbedingt ausgewechselt werden.

Mathias Hain muss nach einem Zusammenprall mit Fürths Stephan Fürstner verletzungsbedingt ausgewechselt werden.

Was hat die Ärztin Dir denn gesagt?  

Matze: Sie meinte zunächst, dass genäht werden muss und das könne dauern. ‚Rechnen Sie mal mit ca. 40 bis 50 Stichen‘, sagte sie zu mir. Ich dann nur so: ‚Alles klar…‘. Wolli ist zwischendurch immer mal vor die Tür gegangen. Wenn er zurückkam, hat er mir immer wieder den Spielstand durchgegeben. Als er das letzte Mal reinkam, stand es 4:1 für uns. Da war ich entspannter.

Wie ging's für Dich weiter? 

Matze: Ich habe mich auf eigene Verantwortung hin selbst entlassen, Wolli hat mich dann zurück zum Hotel gebracht. Da kamen dann irgendwann auch die Jungs an, die gefeiert haben. 

Womit wir zurück zum Spiel und ab in die erste Halbzeit gehen. Nachdem Matze verletzungsbedingt ausgewechselt worden war, ging Fürth durch Christopher Nöthe in Führung. Da war der vorzeitige Aufstieg in Gefahr. 

Schulle: Der war nicht in Gefahr. 

Zuversicht trotz 0:1-Rückstand? 

Schulle: So etwas wird gerne mal überbewertet. Wenn du so ein Spiel hast, bist du wie in einem Film. Zudem hat man es ja schon häufiger erlebt, mit einem Rückstand in die Pause zu gehen. Uns war klar, dass wir noch 45 Minuten Zeit haben und wir das Ding noch biegen können. Wenn ich mich recht erinnere, war es auch so, dass wir im Laufe der ersten Halbzeit immer mehr Kontrolle gewonnen haben. Wir wussten, dass wir unsere Tore schießen können und auch werden. So ist es dann auch gekommen. Stani hat in der Pause relativ ruhig reagiert und das war auch richtig so. 

Kein Weckruf in der Kabine also? 

Schulle: Es lag irgendwie in der Luft – den ganzen Tag schon. Wenn uns das 0:1 aus der Bahn geworfen hätte, wären wir auch nicht aufgestiegen. 

Holger Stanislawski wählte in der Pause ruhige Worte und konnte sich über eine überragende zweite Halbzeit seiner Mannschaft freuen.

Holger Stanislawski wählte in der Pause ruhige Worte und konnte sich über eine überragende zweite Halbzeit seiner Mannschaft freuen.

Was dann ja geklappt hat, auch weil Ihr in der zweiten Halbzeit alle zehn Minuten eine Bude gemacht habt. Wann hast Du den Aufstieg realisiert, wann warst Du Dir vollkommen sicher? 

Schulle: Sicher kann man sich nie sein, aber mit dem Vorsprung kommst du in den Schlussminuten dann in Jubellaune. Auch wenn es sich abgezeichnet hatte, kann man den Moment, in dem es feststeht, einfach nicht beschreiben.  

Versuch's trotzdem mal.

Schulle: Von Angespanntheit und Konzentration über irgendwann Erlösung, Exstase und miteinander jubeln. Es ist so gewesen, als wenn ich mal ein Tor geschossen habe, was ja selten passiert ist (Matze und Schulle lachen). Man weiß nicht, wohin mit sich. Am liebsten alle umarmen und im nächsten Moment auch mal Ruhe und Zeit für sich haben wollen. Dann will man aber auch was trinken und mit den Fans feiern. Man freut sich aber auch, wenn man den Trainer kurz mal sieht. 

Alle umarmen war nicht leicht, denn der komplette Gästeblock war ja schnell auch auf dem Platz. Wie hast Du die Momente erlebt? Lässt man sich da reingleiten oder hat man davor auch ein bisschen Schiss? 

Schulle: Schiss hatte ich nicht. Den hatte ich, als wir drei Jahre zuvor in Magdeburg den Aufstieg in die 2. Bundesliga klargemacht haben, die Polizei hinter uns aufmarschiert ist, unsere Fans 'Schade Magdeburger Jungs' gesungen haben und die Magdeburger Fans runter auf den Rasen sind. In Fürth haben aber unsere Fans den Rasen gestürmt, um sich mit uns zu freuen und den Aufstieg zu bejubeln. Deswegen spielen wir doch Fußball und deswegen gehen die Fans doch ins Stadion, um solche Momente zu erleben. Das war ein Chaos und Durcheinander, aber eben auch ein Miteinander.  

In dem Chaos hattest Du aber noch einen Kopf dafür, Dir ein Trikot von Matze zu organisieren.  

Schulle: Das lag in der Kabine rum, jeder hat immer zwei und manchmal sogar drei Trikots hingelegt bekommen. Ich habe es dann einfach mitgenommen und hochgehalten, oder? Ich weiß das schon gar nicht mehr genau. 

Matze: Großartig, Schulle (lacht) 

Schulle: Ich habe das Trikot sogar noch immer Keller. 

Matze: Ich habe mein Original-Aufstiegs-Trikot auch noch.

Gemeinsam mit Deniz Naki bejubelt Timo Schultz den Bundesliga-Aufstieg und hält dabei das Trikot von Matze hoch.

Gemeinsam mit Deniz Naki bejubelt Timo Schultz den Bundesliga-Aufstieg und hält dabei das Trikot von Matze hoch.

Wo rangiert dieser Aufstieg in der Liste Eurer persönlichen Karriere-Highlights? 

Matze: Für mich war es der dritte Aufstieg in die 1. Bundesliga, alle drei waren anders. Mit dem ersten Aufstieg mit Bielefeld ist für mich ein Kindheitsraum in Erfüllung gegangen. Ich wollte immer Bundesligaspieler werden. Das zu erleben, war noch viel emotionaler als der zweite Aufstieg mit der Arminia. Wobei auch der wunderschön war. Der Aufstieg mit dem FC St. Pauli ist auf einer Höhe mit meinem ersten Aufstieg anzusehen. Weil ich mit gewissen Ambitionen nach Hamburg gekommen war, ich wollte meine Karriere nicht einfach so ausklingen lassen. Wenn ich auf den Platz gegangen bin, wollte ich auch gewinnen. Das haben die Jungs auch schnell gemerkt, als sie mich kennengelernt haben. Dazu zählt dann auch, dass ich nicht einfach so in der Liga mitspielen, sondern das Bestmögliche rausholen wollte. Dass das tatsächlich gelungen ist, liegt genau an dem, was Schulle zu Beginn gesagt hat. Wir waren eine außergewöhnliche Mannschaft, da habe ich hinsichtlich Mannschaft und verschiedener Charaktere viele Parallelen zu Bielefeld gesehen. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Jungs von St. Pauli einen Tick verrückter waren. Vielleicht auch weil sie wussten, was St. Pauli ausmacht und dass da auch mal ne Pulle Astra genauso dazugehört wie abends auch mal locker und spontan weggehen. Das hat unseren Erfolg auch ausgemacht und deswegen rangiert der Aufstieg bei mir auch ganz oben. 

Schulle: Für mich war es auch der schönste Bundesliga-Aufstieg (lacht). Ehrlicherweise muss ich aber sagen, dass mich der Aufstieg in die 2. Bundesliga emotional noch mehr gecatcht hat. Der kam komplett unerwartet, weil es eigentlich das totale Chaos war, wenn ich an die Mannschaft, Stadion, Fans und eigentlich alles in dem Jahr denke. Wir hatten uns ab März dann in einen Rausch gespielt, das war irgendwie so unwirklich, es kam auf einmal und wie eine riesen Erlösung. Auch wenn sich das im Nachhinein vielleicht fast schon arrogant anhört: Der Aufstieg in die 1. Bundesliga hatte sich abgezeichnet, für uns war das irgendwann einfach klar. Deshalb setze ich für mich den Zeitliga-Aufstieg etwas höher an. 

Was macht Ihr zum 10-jährigen Jubiläum? 

Schulle: Das Jubiläum ist zu schön, um es einfach so verstreichen zu lassen. Wir werden uns auf jeden Fall was einfallen lassen. 

Letzte Frage an Matze, weil die Erinnerungen fehlen: Hast Du Dir das Spiel denn zumindest noch mal angeschaut? 

Matze: Ich muss zugeben, dass ich das bis heute noch nicht getan habe. Ich habe aber auch nur gute 15 Minuten gespielt (lacht). 

Schulle: Das waren aber 15 Minuten mehr als ich (beide lachen). 

Matze: Ich werde es mir vielleicht noch mal anschauen.  

Dann schau am Sonnabend (2.5.) doch bei FCSP TV vorbei. Da zeigen wir das Spiel noch mal in voller Länge und mit Original-Kommentar!

Dort findet Ihr übrigens auch das Video zum Interview mit Schulle und Matze in voller Länge und kostenlos abrufbar!

 

(hb/hbü)

Fotos: Witters

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