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"So etwas darf es einfach nicht mehr geben"

Homosexualität im Fußball ist nach wie vor ein Tabuthema. Der Kinofilm „Mario“ von Marcel Gisler greift diese Thematik auf und schildert eindrucksvoll die Ängste und Probleme eines homosexuellen Profifußballers. Der FC St. Pauli, der ein Teil des Kinofilms ist, war am vergangenen Dienstag (2.10.) zur Deutschlandpremiere in Hamburg eingeladen. Der Film hat die Kiezkicker auch mehrere Tage nach der Vorstellung noch intensiv beschäftigt. In unserer VIVA St. Pauli Stadionzeitung zum Heimspiel gegen Sandhausen hatten wir mit Mats darüber gesprochen.

Moin Mats, Ihr habt nach der Premiere intensiv über „Mario“ diskutiert. Mit welchen Gefühlen bist Du aus dem Film gegangen?

Der Film macht einen nachdenklich. Das ist entscheidend. Es macht einen nachdenklich, warum es keinen aktiven Fußballer im Profibereich gibt, der sich bislang geoutet hat. Ich finde es traurig, dass es in der heutigen Zeit immer noch so schwierig ist, sich als Profifußballer zu seiner sexuellen Neigung zu bekennen. Wenn es bei uns im Team einen homosexuellen Fußballer gäbe, wäre das überhaupt kein Problem. Aber bislang hat sich leider noch keiner im aktiven Profifußball dazu bekannt. Dann stellt man sich automatisch die Frage, ob es ausreicht, was der Fußball, die Clubs, die Spieler usw. dafür tun. Genau deshalb ist dieser Film für jeden von uns wichtig. Sehr wichtig sogar!

Auch mehrere Tage nach dem Kinobesuch war der Film in der Kabine noch Gesprächsthema.

Wir haben innerhalb der Mannschaft viel darüber gesprochen, das stimmt. Warum gibt es immer noch Vorurteile gegen Homosexualität, wie können wir helfen, was sind die Gründe für Homophobie, wie würden wir uns verhalten, wenn sich einer bei uns in der Mannschaft outen würde und wie könnten wir in dieser Situation bestmöglich reagieren, um zu zeigen, dass dieser Schritt genau richtig war. Ich finde es sehr gut, dass wir uns weiterhin mit dem Thema auseinandersetzen. Denn insgesamt wird im Fußball viel zu wenig über Homosexualität gesprochen.

Im Film wird thematisiert, dass eine Fußballkarriere zerstört werden könnte, sollte sich ein Spieler outen...

Es ist unglaublich befremdlich, dass ein Coming-out negative Auswirkungen auf eine Karriere haben könnte. So etwas darf es einfach nicht geben.

Fußballer und Homosexualität, das scheint für viele aber leider immer noch nicht zusammenzupassen. Warum ist das so?

Ich kann diese Vorurteile nicht nachvollziehen. Beim Fußball steht deine sexuelle Neigung völlig im Hintergrund und sie hat keine Auswirkungen auf deine Leistung. Die Fußballlandschaft muss sich viel mehr dem Thema öffnen – so wie es unsere Fans tun. Ich finde das sehr wichtig. Wir müssen mehr dafür tun, dass die Gesellschaft endlich begreift, dass Homosexualität im Fußball nichts Schlimmes ist.

Du sprichst es schon an. Wir müssen mehr tun. Aber wie kann das genau aussehen?

Es liegt beispielsweise an uns Spielern, ein geschütztes Umfeld in der Kabine zu schaffen. Die Kabine ist der Ort, wo du dich als Fußballer die meiste Zeit aufhältst. Dort muss man sich wohlfühlen, dort muss ein gesundes Klima herrschen. In vielen Kabinen auf dieser Welt gibt es dahingehend großen Nachholbedarf.

Du hast bereits in England, Norwegen und in Deutschland Fußball gespielt. Hast du Unterschiede ausgemacht, wie mit dem Thema Homosexualität in den jeweiligen Ländern umgegangen wird?

Als ich in England gespielt habe, habe ich die Fußballkultur eher als macho-maskulin wahrgenommen – gerade in der Kabine. Ich weiß nicht, wie es jetzt aussieht, aber damals habe ich es so empfunden. Manchmal wurden Witze über Homosexuelle gemacht. Das war schwierig. Hier bei St. Pauli habe ich nicht das Gefühl, dass es so ist. Doch auch wenn wir als Verein für andere ein Vorbild sind, dürfen wir uns nicht darauf ausruhen. Jeder muss sich dessen bewusst sein, weiter an dieser offenen Kultur zu arbeiten. Das ist bei uns auch der Fall.

Gab es in England für Dich einen bestimmten Knackpunkt, der Dich zum Nachdenken gebracht hat?

Ich möchte ein Beispiel nennen. Dieses hat zwar nichts direkt mit Homosexualität zu tun, aber es geht auch in die Richtung. Als ich 15 Jahre alt war, habe ich angefangen, mich intensiver mit dem Thema Vorurteile auseinanderzusetzen. Meine damalige Freundin spielte ebenfalls Fußball. Manche Mitspieler haben sich über sie lustig gemacht. Das passte einfach nicht in ihr Rollenverständnis, in ihr Klischee, wie eine Spielerfrau aufzutreten, sich zu präsentieren hat. Wie kann eine Frau nur Fußball spielen? Für mich war es traurig, das mit anzusehen. Gewisse Spieler lebten einfach noch in der Vergangenheit und sie waren auch nicht gewillt, sich weiterzuentwickeln, Veränderungen in der Gesellschaft zuzulassen. Aber genau das sollten wir tun.

Und wie sieht es in Norwegen aus?

Ich denke, in Norwegen sind wir ebenfalls auf einem guten Weg. Homosexualität ist inzwischen Bestandteil unserer Kultur. Selbst der norwegische König sagt, wenn du ein Norweger bist, kannst du lieben, wen du möchtest. Natürlich gibt es noch Leute, die damit ein Problem haben. Aber Homosexualität wird mehr und mehr als Normalität empfunden. Und das ist auch gut so!

Thomas Hitzlsperger ist der erste deutsche Fußballer, der sich nach seiner aktiven Karriere als homosexuell outete. Viereinhalb Jahre ist das nun schon wieder her. Doch die Debatte, die er anstieß, ebbte schneller ab, als man es erwartet hatte.

Ich hatte auch gehofft, dass andere Spieler Mut fassen und sich outen würden, weil sie bei Hitzlsperger gesehen haben, dass es der richtige Schritt war. Ich hoffe und ich denke, dass wenn sich ein oder zwei aktive Spieler outen würden, andere nachziehen werden und es als vollkommen natürlich angesehen wird, homosexuelle Spieler im Fußball zu haben. Unsere Fans und wir als Verein würden das sehr begrüßen.

 

(ak)

Foto: FC St. Pauli

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