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NLZ-Leiter Stilz: "Die Kabine wird fehlen und ist auf Dauer nicht zu ersetzen"

Das Coronavirus hat den Mannschaftssport bundesweit zum Stillstand gebracht. Für den FC St. Pauli bedeutet das, dass neben der Lizenzmannschaft auch zehn Nachwuchsteams mit über hundert Spielern von ihrer Leidenschaft getrennt sind. Das Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) hat die Zeit nicht ungenutzt gelassen und eine Strategie entwickelt, um die schwierige Zeit zu überbrücken, wie NLZ-Leiter Roger Stilz im Interview verrät.

Moin Roger, fangen wir mit der wichtigsten Frage in dieser Zeit an: Wie geht's Dir und Deiner Familie?

Ich kann diesbezüglich nicht klagen. Meiner Familie geht’s gut, wir sind wohlauf. Von daher kann ich auch ganz normal arbeiten.

Der Blick aus dem Fenster offenbart bestes Fußballwetter, doch die Kugel kann im Moment nicht rollen. Wie sehr fehlt Dir persönlich der Fußball in diesen Tagen?

Das Spiel ist unser täglicher Antrieb. Dafür machen wir das für über zehn Mannschaften. Die Jungs sollen auf dem Platz sein können, damit wir uns als Nachwuchsleistungszentrum aber auch als Gesamtverein weiterentwickeln können. Das bricht jetzt weg und wir müssen erstmal schlucken. In der Natur des Sportlers liegt es aber, sich neue Ziele zu setzen und so haben wir das auch im NLZ gehalten.

Welche Folgen die Corona-Krise für den deutschen Fußball hat, wird bundesweit debattiert. Wie groß ist der Effekt im Moment auf das Nachwuchsleistungszentrum?

Da gibt es natürlich verschiedene Bereich, die man betrachten muss. Fakt ist, dass die Hamburger Politik sowohl Trainingseinheiten als auch Pflichtspiele bis zum 30. April untersagt hat. Wir haben nicht nur eine, sondern zehn Mannschaften auf unterschiedlichen Ausbildungsstufen. Jetzt galt es, mit der Situation umzugehen und trotzdem Inhalte zu kreieren. Das war Hauptbestandteil der letzten 14 Tage in enger Zusammenarbeit mit der Geschäftsstelle über Videokonferenzen. Das war zuletzt unser Alltag.

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"Wir kennen die Tools und
nutzen sie auch"

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Zuletzt hast Du häufig die enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Bereichen im NLZ gelobt. Wie funktioniert der Austausch zurzeit, wenn der Betrieb an der Kollaustraße und dem Brummerskamp ruht?

Wir verfügen beim FC St. Pauli über eine wirklich gute IT-Ausstattung. Deswegen haben wir – Björn Benke als administrativer Leiter, Benjamin Liedtke als Sportlicher Leiter U10-U14 und ich – zügig Gespräche mit den verschiedenen Bereichsleitern geführt. Da konnten wir auf eine bereits bestehende Basis aus gut funktionierender Zusammenarbeit unter den Bereichen zurückgreifen. Und wir haben uns zum Ziel gesetzt, diese schwierige Situation als Chance zu sehen, das auch zu erweitern. Da sind wir gerade dabei.

Auch wenn es derzeit keinen Live-Fußball gibt, sind die Datenbanken und Video-Portale voll mit Inhalten. Nutzt Ihr diese Möglichkeiten für Eure Kaderplanung der einzelnen Teams für die kommende Spielzeit?

Ja, das machen wir. Aber nicht nur heute, sondern allgemein. Man muss dazu sagen, dass das Scouting immer mehr im Videobereich stattfindet. Insbesondere ein Erst-Scouting für den Ersteindruck von den Spielern. In den unteren Jahrgängen haben wir aber nicht das Videomaterial wie im Profibereich. Das finde ich auch gut so. Man muss nicht alles zu früh durchleuchten. Da bin ich kein Fan von. Aber klar: Die Tools generell kennen wir, da sind wir gut aufgestellt, und nutzen sie auch.

Über 100 Nachwuchsspieler sitzen im Moment zu Hause, auch das Jugendtalenthaus ist vorerst geschlossen. Welche Strategie habt Ihr, um die Jungs fitzuhalten? 

Wir haben uns vergangenen Woche ganz bewusst eine Denkpause gegönnt, um konkret darüber nachzudenken, was die nächsten Schritte sind. Wir wollten den gemeinsamen Leitfaden, den wir auch im normalen Alltag haben, in diese schwierige Situation rüber retten. Dafür haben wir auch mit den Spielern und deren Eltern kommuniziert, wie wir vorgehen wollen. Wir haben erneut einen Eltern-Spieler-Brief rausgeschickt, in dem wir die weiteren Tage, Wochen oder noch länger skizziert und dargelegt haben, was wir uns vorstellen.

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"Wir wollen den Jungs Tipps und Tricks für den Alltag mitgeben"

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Wir haben drei übergeordnete Ziele formuliert: Erstens wollen wir den Trainingsrhythmus aufrechterhalten. Zweitens soll die Freude an der Bewegung weiterhin bestehen bleiben. Und drittens wollen wir den Kontakt untereinander aufrechterhalten. Aus diesen übergeordneten Zielen haben wir konkrete Pläne für die jeweilige Mannschaften erstellt, die von den jeweiligen Trainern betreut werden. Dazu gibt es drei Bereiche: Fußballtechnische Übungen auch mit Videoanalyse, Athletik und die Sportpsychologie, die gerade in diesen Tagen nochmal eine Wertigkeit gewinnt. Wir wollen den Jungs Tipps und Tricks für den Alltag mitgeben. Die Pläne laufen ab sofort. Die jüngsten Rückmeldungen sind wirklich positiv. In der schwierigen Situation können wir dennoch einen guten Trainingsbetrieb leisten.

Zusammengefasst kann man also sagen, dass die Strukturen weiter greifen, der Arbeitsplatz aber verlagert wird?

Wir versuchen die Belastung und das Trainingsniveau aufrechtzuerhalten. Aber natürlich ist es kein Ersatz zu einem Gruppen- oder Mannschaftstraining. Da ist schon Improvisation gefragt, aber da sind auch alle bereit zu, weil wir leistungsorientierte Spieler haben.

Dennoch fehlt jedem/r Fußballer*in irgendwann der Ball. Wie gehen die Jungs mit der Situation um, dass ihnen ihr Lieblingsarbeitsgerät nur bedingt zur Verfügung steht?  

Da gab es bislang noch kein Feedback. Das lag aber auch an der angesprochenen Pause. Da ist zu wenig Zeit verstrichen, als dass die Jungs den Mangel an Ballkontakten formulieren und in Richtung NLZ-Leiter schicken wollten. Das ist noch nicht passiert (lacht).

Wieso würdest Du mir widersprechen, wenn ich sage, dass die Spielpause für den Entwicklungsprozess der Spieler verlorene Zeit ist? 

Es gibt konkrete Sachen, für die jetzt Zeit gut ist. Für ein konzentriertes Kraftraining. Oder für ein Auftrainieren einer guten Rumpfmuskulatur. So ein Durchpusten, das die Jungs im Moment haben und in dieser Form teilweise seit Jahren nicht gewohnt sind, kann auch Kräfte freisetzen. Die Pause lässt die Jungs manchmal auch wachsen. Ich glaube, sowohl für Geist aber auch für den Körper muss das nicht zum Nachteil sein. Auf der anderen Seite gebe ich Dir Recht: Auf Strecke sind Pflichtspiele und das Messen auf hohem Niveau nicht zu ersetzen. Da brauchen wir uns nichts vormachen. Irgendwann brauchen die Jungs ihren Wettkampf. Wir brauchen den Kontakt und die Kabine. Da entsteht ganz viel und vor allem eine Gemeinschaft. Die Kabine wird fehlen und ist auf Dauer nicht zu ersetzen. Da hoffen wir dann doch, dass die Pause nicht zu lange ist.

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"Für Regionalligisten wäre es bitter, wenn dort nicht mehr gespielt werden würde"

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Im Profibereich ist es für die Vereine essentiell wichtig, dass die Saison zu Ende gespielt wird. Inwiefern hätte es für das NLZ Folgen, wenn die Regionalligen oder die Junioren-Bundesligen nicht zu Ende gespielt werden?  

Das ist kein Vergleich zur Profiliga. Für uns ist das auffangbar. Mich würde es einfach für die Jungs, die Trainer und für das Spiel, das wir alle lieben, freuen. Gerade für Regionalligisten, da sind wir mit der U23 jetzt nicht so direkt betroffen, wäre es schon bitter, wenn dort nicht mehr gespielt werden würde. Ich hoffe, dass wir gut und gestärkt aus dieser Pause rausgehen. Nach dem ersten Schock ist es erstmal so, dass wir trotzdem alle Kräfte investieren, um für die Zukunft noch besser gerüstet zu sein, als wir es jetzt schon sind. Ich halte nichts von einem runtergeschraubten Modus. Wir haben genug Themen und genug Möglichkeiten uns zu verbessern. Wenn wir gesund bleiben, das ist die Hauptvoraussetzung. Deswegen möchte ich an dieser Stelle allen Spielern und ihre Familien beste Gesundheit wünschen. Außerdem möchte es nicht verpassen, meinen beiden Kollegen Björn Benke und Benni Liedtke für Ihren Einsatz in den letzten Wochen danken. Der war unglaublich. Aber auch allen, insbesondere den Bereichsleitern, die sofort in einen anderen Modus umgeschaltet haben.

In jedem Fall wird es irgendwann eine Zeit nach der Corona-Krise geben. Wie kann sich das NLZ darauf bestmöglich vorbereiten?  

Für die Zeiten nach Corona ist es zum einen so, dass wir uns um eine saubere Kaderplanung kümmern müssen. Wir haben eine Verpflichtung gegenüber unseren Spielern. Gerade gegenüber denen, die noch nicht wissen, wie es ab Sommer für sie weitergeht. Da versuchen wir unsere Hausaufgaben wie sonst auch zu machen. Natürlich wollen wir auch das NLZ im Bereich der Mitarbeiter*innen so aufstellen, dass wir gewappnet sind. Ich kann nicht sagen, dass das leicht fällt. Natürlich ist eine Planungssicherheit schwierig. Deswegen muss man mit Augenmaß handeln, ehrlich zu sich selber sein und so gut wie möglich zu antizipieren, wie es weitergeht. Der Austausch ist gut, die Kommunikation ist gut. Wir fühlen uns gut informiert und hoffen, dass wir aus der Leitung auch gut in die Bereiche und von dort zu den Spielern und Eltern informieren. Das ist wichtig in diesen Zeiten und wollen wir uns zu Herzen nehmen.

 

(ms)

Fotos: Witters

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