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„Ohne Fußball fehlt ein Ton“

Nicht nur in Köln kennt ihn jedes Kind: Wolfgang Niedecken, Frontmann der Gruppe „BAP“, Maler, Autor – und glühender Fan des 1. FC Köln. Im Interview mit der VIVA erzählt er über seine intensivsten Fan-Erlebnisse, von der Wichtigkeit, verlieren zu können – und verrät, wie ein vom 1. FC Köln ausgelöster Kater Musikgeschichte schrieb.

Herr Niedecken, Ihre Frau hat Sie für die aktuelle VIVA ST. PAULI mit einem rot-weiß-braun-weißen Freundschaftsschal porträtiert. Wie sind Sie an diesen Schal gekommen?
Den hat mir ein Fan auf die Bühne geworfen, der wusste, dass ich den FC St. Pauli schätze – eine lange Geschichte, die auch ein bisschen was mit Matthias Scherz und Christian Springer zu tun hat, die ja sowohl für St. Pauli gespielt haben als auch für den FC. Außerdem ist der FC St. Pauli ein Verein, der mir als bekennendem Fußballromantiker sehr gefällt. Mit synthetischen Vereinen kann ich nichts anfangen.

Beim Heimspiel des FC St. Pauli gegen den 1. FC Köln werden Sie im Stadion sein. Ihr erster Besuch am Millerntor?
Ich bin tatsächlich zum ersten Mal am Millerntor. Ich bin zwar schon wiederholt eingeladen worden, aber es ist immer etwas dazwischengekommen. Schön, dass es endlich klappt!

Sind Sie in Köln bei jedem Spiel dabei?
Wenn ich Zeit habe, ja. Leider weiß man kaum mehr, wann die Spiele überhaupt angesetzt werden. Ich versuche immer, unsere Tourpläne drumherum zu stricken. Aber mittlerweile müsstest du ja Freitag bis Montag immer konzertfrei halten, und das geht natürlich schlecht (lacht).

Wenn’s beim FC St. Pauli mal gut läuft, haben St. Paulianer oft das Gefühl: „Das dicke Ende kommt bestimmt.“ Geht es Ihnen als Kölner gerade ähnlich?
In Köln ist es angeblich ja eher so, dass gleich die Champions League winkt, wenn man mal drei Unentschieden nacheinander geschafft hat (lacht). Wobei ich ehrlich gesagt nicht glaube, dass die Kölner tatsächlich so sind. Jedenfalls nicht die, die ich kenne. Die halten sich eher an das Motto „Komm, lieber mal den Ball flach halten!“  Wir haben schließlich auch schon den einen oder anderen Abstieg hinter uns.

Aber im Moment läuft es doch gut? Platz 2 in der Liga, viele Spieler mit Kölner Wurzeln im Team...
Klar, das sind schöne Sachen, die jetzt auf einmal passieren nach all dieser Leidenszeit. Wir haben ja auch Mainz aus dem Pokal geworfen, immerhin einen Erstligisten (lacht). Aber es ist ja nicht so, dass wir uns mühelos von Spiel zu Spiel siegen. Es sind ganz viele Unentschieden dabei, und zuletzt gegen Bochum und Ingolstadt zwei Niederlagen in Folge.

Gibt es Spieler im aktuellen Kader, die Ihnen besonders gut gefallen?
Marcel Risse spielt einen Fußball, den ich lange so nicht mehr beim FC gesehen habe. Fast tänzerisch, großartig! Ich freue mich, dass er in Köln jetzt so aufblüht. Das hat er ja in Leverkusen nicht getan und auch in Mainz nicht. Außerdem freue ich mich, dass Patrick Helmes zurückgekommen ist. Da halte ich zwar immer noch ein bisschen die Luft an, weil er als verletzungsanfällig gilt. Aber er spielt sehr ordentlich, und das mit den Verletzungen – toi, toi, toi – scheint sich nicht zu bewahrheiten. Der FC verdankt Patrick Helmes ja einiges, schließlich hat er uns schon einmal in die 1. Liga hochgeschossen.

Die Aufstiegserfahrung kann Patrick Helmes jetzt wahrscheinlich gut gebrauchen – oder machen Sie sich noch Sorgen?
Ich halte es da mit meinem Freund Ewald Lienen. Wenn dem einer sagte: „Der 1. FC Köln gehört in die 1. Liga“, dann ist Ewald immer an die Decke gegangen: „Es gehört derjenige in die 1. Liga, der sich dafür qualifiziert. Sonst überhaupt keiner!“ Damit hat er natürlich total recht. Es geht ja nun auch noch um Sport. Stammplätze gibt es da nicht.

Wie wichtig ist Ihnen Erfolg im Fußball?
Mir tun Leute leid, die immer nur Erfolg haben wollen, auch in ihrem Fußballverein. Damit kann ich nichts anfangen. Runter bis in die Amateurliga und dann nur noch Grottenkicks sehen – das will natürlich auch keiner. Aber der Humor darf nicht verloren gehen. Beim letzten Spiel des FC vorm Abstieg wurden in unserer Fankurve auf einmal schwarze Rauchbomben gezündet. Bei meinem FC, in meiner Südkurve, an der ich sehr hänge, weil ich als Fan in ihr aufgewachsen bin. Ich war so entsetzt, dass ich einige Spiele lang nicht mehr hingegangen bin. Auf einmal schien da so eine Humorlosigkeit reinzukommen, so eine Gier nach Erfolg, ein Nicht-verlieren-können. Dabei ist gerade das mit das Wichtigste, was man seinen Kindern vermitteln kann: dass sie auch mal mit Anstand verlieren können. Zum Glück sieht das die überwältigende Mehrheit der Kölner Fans auch so.

Welche Fan-Erlebnisse würden Sie als Ihre intensivsten beschreiben?
Ich kann mich noch sehr gut an den Mai 98 erinnern. Dass der 1. FC Köln tatsächlich einmal absteigen könnte, hat sich damals kaum jemand vorstellen können. Undenkbar! Dann ist es passiert, und der Schock saß tief. Das war wie ein Weltuntergang.

Wie haben Sie persönlich diese Situation empfunden?
Ich hab damals gedacht: „Du musst irgendwas machen, damit die Fans nicht von der Fahne gehen.“ Wir arbeiteten damals mit BAP an unserem Album „Comics & Pin-ups“, und da ist auch das Stück „Für ne Moment“ drauf, nach dem auch der erste Teil meiner Autobiographie bei Hoffmann und Campe benannt ist. Ich hab das Lied dann mit einem Spezialtext versehen: „Hier wird nicht resigniert!“ heißt es im Refrain. Das war der Song „FC Jeff Jas“. Stefan Raab und Guildo Horn sprangen dann auch noch mit drauf, und wir haben ein Video gedreht mit den Kölner Alt-Internationalen, das wirklich sehr schön geworden ist. Später habe ich noch eine Aufstiegsversion geschrieben. Die war ein bisschen kesser. Dann sind wir wieder abgestiegen, und es hieß: „Wolfgang, jetzt musst Du nochmal ran!“ Da habe ich dann die „Version für die Ewigkeit“ geschrieben. Das war „FC Jeff Jas, Römisch III“ – und dabei bleibt es (lacht).

An eine Stadionhymne für den FC haben Sie noch nicht gedacht?
„FC Jeff Jas“ ist ja eher ein Mutmacherlied. Bei Fußballhymnen habe ich oft das Problem, dass die so dermaßen vor Treueschwüren und Pathos strotzen, dass mir ein bisschen blümerant wird, ehrlich gesagt.

Was war das intensivste Positiv-Erlebnis?
Also ganz intensiv war natürlich ein Erlebnis von 1978, mit dem der FC St. Pauli einiges zu tun hatte. Nachdem wir den DFB-Pokal im Finale gegen Düsseldorf am 15. April gewonnen hatten, spielte der FC sein letztes Ligaspiel am 29. April in Hamburg gegen St. Pauli. Borussia Mönchengladbach spielte parallel gegen Dortmund, und obwohl Köln weit vorne lag, hätte der FC über das Torverhältnis doch noch die Meisterschaft vergeigen können. Und dann lag Gladbach zur Halbzeit tatsächlich 6:0 vorn und gewann am Ende 12:0! Ein unfassbares Ding. Nur weil wir gegen St. Pauli ebenfalls einen hohen Sieg schafften, lag der FC am Ende drei Tore vor den Gladbachern (Achtung: Bitte beachtet zum Endergebnis unser Gewinnspiel am Ende des Interviews, d. Red.).

Spannung pur ...
Absolut! Ich hatte das Spiel zu Hause am Radio verfolgt und konnte es kaum erwarten, bis es abends endlich Ausschnitte im Fernsehen gab. Von dem Spiel gibt’s ja auch legendäre Filmaufnahmen vom Spielfeldrand. Kurz vor Schluss wird Hennes Weisweiler gefragt: „Glauben Sie denn jetzt an die Meisterschaft?“ Und er sagt:   „Nä, noch immer nit.“ Sehr intensiv war für mich auch der Tag, als Dieter Müller im EM-Halbfinale 1976 gegen Jugoslawien drei Tore geschossen hat und Heinz Flohe das vierte. 4:2 nach 0:2-Rückstand! Vier Kölner Tore! Am nächsten Tag wurde BAP gegründet.

Gab es zwischen dem Spiel und der Band-Gründung einen Zusammenhang?
Den gab es tatsächlich: Am Morgen nach diesem Spiel rief mich ein Kollege aus unserer früheren Schülerband an und meinte, er hätte irgendwo`nen Bauernhof geerbt, und wenn wir den Stall renovieren würden, könnten wir da Musik machen. Normalerweise hätte ich zu der Zeit wohl geantwortet: „Vergiss es. Ich studier jetzt Kunst, für Musik hab ich keine Zeit mehr.“ Aber weil ich vom Vorabend einen dermaßenen Schädel hatte, hab ich stattdessen gesagt: „Alles in Ordnung, machen wir“ (lacht). Und so ging das wieder los mit der Musik.

Können Sie sich an Ihr erstes Spiel im Stadion erinnern?
Das muss 1969 gewesen sein. Fünf Jahre zuvor war Köln der erste Meister der Fußball-Bundesliga überhaupt geworden. Aber 1968/69 haben wir bis zum letzten Spieltag gegen den Abstieg gekämpft. Zum letzten Saisonspiel hat mich mein Bruder mit ins Stadion genommen. Es ging gegen Nürnberg, damals ein direkter Konkurrent um den Klassenerhalt. Zum Glück gewann der FC 3:0. Wir blieben drin, Nürnberg stieg ab.

Ist der Fußball für Sie auch eine Inspiration für die Kunst – für die Musik oder auch die Malerei?
Ich habe ja so einige Stücke, in denen der FC vorkommt. Mein momentanes Lieblingsstück zu dem Thema heißt auf Hochdeutsch „Warum tu ich mir das eigentlich an?“ („Woröm dunn ich mir dat eijentlich ahn?“) Das handelt von nem Typen, der so wie ich immer bei den Heimspielen da ist und der auf Dauer das Genöle der anderen nicht mehr abkann, so von wegen „Nächste Woche komme ich hier nicht mehr hin, das mach ich nicht mehr mit.“ Und dann erklärt er dem Typen, der das ständig sagt: ‚Also pass mal auf: Es gibt Sachen, die kannst du dir nicht aussuchen. Vater, Mutter – und den Club, mit dem du leiden musst. Das ist nun mal so, also hör auf mit diesem blödsinnigen Genöle.“ Leider muss er dann später mit seiner Freundin in nen Hugh-Grant-Film gehen. Und dann nölt er selber und macht sich über den Film lustig. Schließlich ist er die Freundin los, und er sagt: „Warum tu ich mir das bloß an? Warum kann ich nicht einmal meine Klappe halten?“ Der Song ist auf dem aktuellen BAP-Album „Halv su wild“.

Das Gefühl und den Typen findet man so ähnlich auch am Millerntor ...
Ja, klar (lacht), wie oft hab ich das selber schon gedacht? Und dann, zwei Wochen später, gehst du doch wieder hin. „Kein Fußball den Faschisten“, heißt es auf der Gegengerade des Millerntor-Stadions. 1992 haben Sie als einer der Initiatoren des Konzerts „Arsch huh, Zäng ussenander“ ein deutliches Zeichen gegen Rechts gesetzt.
Die Kölsch singenden Bands haben das damals mehr oder weniger aus der Taufe gehoben, und auf einmal war das ein unheimlich großes Bündnis. Alle wollten das, die ganze Stadt wollte das. Wer da alles mitgemacht hat! Mir ist neulich erst aufgegangen, dass die Kölner damals eine Art Schwur geleistet haben. Wie den aus dem spanischen Bürgerkrieg: „No Pasaran“ – die Faschisten werden hier nicht durchkommen. Immer nach dem Prinzip: „Think global, act local“. Man muss hier dafür sorgen, dass man zusammensteht und die Faschos nicht durchlässt. Das Bündnis kann da nicht groß genug sein. Gerade auch im Fußball, wo die Rechten ungeheuer reindrängen. „Bei Arsch huh 2012“ haben wir diesen Schwur zwanzig Jahre später nochmal erneuert, mit 75.000 Zuschauern. In die Vorbereitungen haben sich auch viele Aktive aus der Fanszene des FC eingebracht, das hat mich sehr gefreut.

Kurz nach dem Konzert erlitten Sie im November 2012 vollkommen unerwartet einen Schlaganfall. In Ihrem zweiten Buch „Zugabe“ berichten Sie von Ihrer „Rückkehr ins Leben“. Stimmt es, dass der Fußball dabei eine Rolle gespielt hat?
Das war tatsächlich so. Ich war dank der schnellen Reaktion meiner Frau zum Glück rechtzeitig in die Stroke-Unit der Kölner Uniklinik gebracht worden. Als ich da zwei, drei Tage lag, wollte ich unbedingt das nächste Spiel des FC sehen, das war damals gegen Wolfsburg. Man hat dann alle Hebel in Bewegung gesetzt, um das zu ermöglichen. Schon die Vorfreude auf dieses Spiel hat mir gut getan. Dann sehe ich im Fernsehen auch noch eine Einstellung von der Südkurve, in der ein Riesentransparent zu sehen ist: „Weed flöck widder jesund, Wolfgang!“ Da hatte ich echt nen Kloß im Hals. Das werd ich denen nie vergessen, der wilden Horde (Ultrà-Gruppe des 1. FC-Köln, d. Red.). Wir haben dann zwar verloren, aber das war mir egal.

Irgendwie schön, dass auch ein verlorenes Spiel solche mobilisierenden Kräfte entfalten kann...
Fußball gehört für mich einfach dazu. Ohne Fußball fehlt ein Ton im Akkord – und wenn ein Ton fehlt, dann klingt der ganze Akkord nicht mehr. Wenn Länderspielpause ist, lauf ich immer wie ein Blödmann durch die Gegend und denke: „Scheiße, was ist das denn für ein Samstag?“ Und dann erst die Sommerpause! Die geht eigentlich überhaupt nicht. Der einzige Trost ist die Vorfreude auf die nächste Saison.

Ein Lied, das den FC St. Pauli für viele Fans auf den Punkt bringt, ist „Das hier ist Fußball“ von Thees Uhlmann. „Eines ist wirklich sicher: dass die Tragik St. Pauli kennt“, heißt es darin. Wie viel Tragik steckt eigentlich im 1. FC Köln?
Tragik hat auf jeden Fall viel mit dem FC zu tun. Aber zum Glück gibt es auch das „Kölner Grundgesetz“: „Et hätt noch immer joot jejange“ – es geht immer positiv aus. Das tröstet.

Macht eine gewisse Tragik den Fußball erst schön?
Ich denke schon. Ich glaube, in gewisser Weise genießt man als Fußballfan auch das gemeinsame Leiden. Diese Phasen sind einfach wichtig. Es ist wie in der Malerei: Wenn man ein Bild malen würde ohne Schatten, würde man darauf kaum was erkennen.

Zum Abschluss noch zwei Fragen. Die eine: Gibt es ein einzelnes Wort, das den 1. FC Köln für Sie beschreibt?
(Nach sehr kurzer Überlegung) Heimat.

Die andere: Ihr Tipp für Freitag?
Ich hoffe mal, dass wir mindestens einen Punkt mitnehmen, auch wenn das nach der Heimspiel Niederlage nicht leicht wird.

Sie träumen also tatsächlich von einem knappen Sieg für den FC?
Träumen darf man ja wohl!! Ich würde nur nicht 2:1 tippen. Niemals! Ich hasse dieses Ergebnis (lacht).

Und wahrscheinlich auch nie gegen den 1. FC Köln?
Auf keinen Fall.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Interview: Christoph Nagel

Fotos: Tina Niedecken

 

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