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Sandra Schwedler: "Wir haben gute Leute, die diesen Verein und seine Werte leben"

Der FC St. Pauli reagiert auf den Weggang des kaufmännischen Geschäftsleiters Andreas Rettig und stellt sich im Zuge dessen strukturell zeitgemäßer auf. Die Verantwortung für die wirtschaftlichen, organisatorischen und gesellschaftlichen Belange konzentriert sich in Zukunft nicht mehr auf die übergeordnete Position eines Geschäftsleiters, sondern wird auf mehrere Schultern verteilt. Wir sprachen mit der Aufsichtsratsvorsitzenden Sandra Schwedler über diesen Prozess.

Moin Sandra, wie sieht die neue Struktur aus? Und warum hat man sich beim FC St. Pauli für diese Variante entschieden?

Angestoßen durch Überlegungen im Präsidium haben wir im Aufsichtsrat und Präsidium in den letzten Monaten viel darüber nachgedacht, wie eigentlich die Zeit nach dem Ausscheiden von Andreas Rettig aussehen kann. Dabei haben wir uns auch die Frage gestellt, wie wir Entscheidungswege verkürzen können, gerade auch, weil wir im Verein ein ehrenamtliches Präsidium und einen ehrenamtlichen Aufsichtsrat haben.
Letztlich haben wir uns gemeinsam mit dem Präsidium dazu entschlossen, die Position von Andreas Rettig auf insgesamt vier Positionen aufzuteilen. Wir haben gute Leute, die diesen Verein und seine Werte leben und Experten in ihren Bereichen sind. Dahinter stand die Überlegung: Warum sollen wir eine Person holen und damit wieder ein Nadelöhr schaffen, wenn wir eigentlich bereits eine breite, gute Basis haben? Diese breite Basis und der Teamgedanke, der damit einhergeht, sind wichtig für unsere zukünftige Ausrichtung.

Waren die Fußstapfen von Andreas Rettig, der ja eine sehr profilierte Figur im deutschen Profifußball ist, einfach zu groß, als dass man ihn hätte eins zu eins ersetzen können? Und ist dann die nun gefundene Variante eine Notlösung, mit der man auf diesen Umstand reagiert?

Eine Notlösung ist das in keinem Fall. Wir haben uns natürlich nach geeigneten Kandidaten für die Nachfolge von Andreas Rettig, der eine Expertise in verschiedenen Bereichen mitbringt, umgesehen. Wir haben dabei festgestellt, dass alle Personen, mit denen wir gesprochen haben, hinsichtlich ihrer Fähigkeiten einen bestimmten Schwerpunkt haben. An dieser Stelle stand dann für uns die Erkenntnis, dass wir in diesen Bereichen bereits Experten bei uns im Verein haben. Warum sollen wir also Leute von außerhalb holen?
Das Thema Partizipation beschäftigt uns ja nicht nur im Umgang mit den Mitgliedern und Fans, sondern auch hinsichtlich unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Ich glaube, wir haben mit dieser Struktur einen Weg gefunden, dass die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mehr Verantwortung übernehmen und Entscheidungen mittragen können.

Du hast von der Position des Kaufmännischen Geschäftsleiters als einem ‚Nadelöhr‘ gesprochen. Wie ist das zu verstehen, wenn doch letztlich alle Entscheidungen final durch das Präsidium abgesegnet werden?

Andreas Rettig hat einen sehr großen Bereich verantwortet. Das sieht man schon daran, dass wir seine Aufgaben jetzt auf vier Personen verteilt haben. Praktisch hat das bedeutet, dass alle Themen zunächst bei Andreas auf dem Tisch lagen und dann an das Präsidium weitergingen. Jetzt fällt dieser Zwischenschritt weg, weil die Entscheidungen auf mehrere Schultern verteilt werden und dann direkt an das Präsidium gehen.
Das Thema ist natürlich trotzdem spannend. Wir wollen keine Einzelkämpfer, die versuchen, für ihren Bereich das Beste rauszuholen. Wir möchten, die Entscheidungsfindung im Führungskreis als Team etablieren. Wie wir diese Abstimmungs- und Entscheidungsfindungsprozesse optimal organisieren, werden wir in den nächsten Monaten gemeinsam lernen.

Aber es gibt doch sicher schon einen Plan, wie in Zukunft Entscheidungen getroffen werden sollen?

Natürlich gibt es eine Idee, wie wir starten und welche Prozesse angewendet werden. Wir werden dabei auch von extern begleitet. Jede Person auf der Direktorenebene trägt Verantwortung für einen großen Bereich. Wir müssen lernen, diese Bereiche sinnvoll zu vernetzen und mit einem gesamtheitlichen Gedanken zu versehen. Wer muss wann mit wem sprechen und wer hat eventuell auch an bestimmten Stellen ein Vetorecht? Wie können wir auch schnell und unkompliziert zu Entscheidungen kommen? Fast alle größeren Themen betreffen mehr als einen Bereich. Wir wollen weg von den Silos. Wir wollen nicht in Kategorien denken wie z.B. Profifußball, Geschäftsstelle, Amateurabteilungen. Deshalb ist es auch wichtig, dass neben den vier genannten auch Thomas Michael (Amateursport) und Roger Stilz (Leiter Nachwuchsleistungszentrum) Teil der Direktorenrunde sind. Und auch Andreas Bornemann (Geschäftsleiter Sport) wird bei den Sitzungen vertreten sein. Wir wollen einen ganzheitlichen, zukunftsgerichteten Blick für unseren Verein.

Besteht auf der anderen Seite vielleicht aber auch die Gefahr, dass Entscheidungen unnötig verkompliziert werden, die ansonsten durch einen starken Mann oder eine starke Frau hätten getroffen werden können?

Das ist einer der Gründe, warum wir uns auf diesem Weg anfangs begleiten lassen. Es darf natürlich nicht passieren, dass wir mit vielen Leuten wochenlang zusammensitzen und diskutieren, weil nicht klar ist, wie entschieden werden soll bzw. wer die Entscheidungsvorlage verantwortet.
Grundsätzlich werden die Herausforderungen aber immer komplexer. Niemand kann in allen Themen tief genug drin sein und die Zusammenhänge komplett überblicken. Darum brauchen wir die jeweiligen Fachleute und ihre Zusammenarbeit. Entscheidend ist, die Prozesse zur Entscheidungsfindung sinnvoll zu gestalten.

Wie sehr ist Andreas Rettig noch in diesen Übergang involviert?

Andreas hat schon vor einigen Wochen angefangen, seine Themen und Projekte nach und nach zu übergeben. Ab August wird Andreas sich langsam aus dem Tagesgeschäft zurückziehen, uns dabei aber weiterhin als Ansprechpartner zur Verfügung stehen.

Mit Martin Urban ergänzt ein neuer Kollege die Direktorenebene. Er wird für den Bereich ‚Operations‘ zuständig sein. Welche Aufgaben und Zuständigkeiten umfasst das?

Martin bringt eine große Erfahrung im Bereich Finanzen mit. Bei ihm hat uns überzeugt, dass er Lust auf etwas Neues und die Arbeit im Team hat. Eine seiner Aufgaben ist, mit unserem Geld weiterhin wirtschaftlich zu arbeiten. Es geht darum, neue Möglichkeiten und Chancen zu schaffen, um unseren Weg weiter zu gehen. Wir suchen dabei keine Investoren, sondern Partnerschaften. Zudem haben wir verschiedene Gesellschaften, die miteinander verquickt sind. Dafür ein übergreifendes Controlling zu haben, ist natürlich sehr wichtig. Neben diesen Themen fallen aber auch noch weitere Themen, die die Organisation betreffen, in seinen Bereich.

Das Präsidium ist hinsichtlich der Kompetenzen der Mitglieder recht ähnlich besetzt wie die Direktorenebene. Kann man davon ausgehen, dass es dann entsprechende Zuordnungen gibt; Martin Urban zum Beispiel vor allem mit Carsten Höltkemeyer zu tun hat?

Eine 1:1-Zuordnung für alle Themen wird es nicht geben, aber die Direktoren werden sich auch weiterhin mit den jeweiligen Experten im Präsidium direkt austauschen. Auch das ist wichtig für kurze, effektive Wege. Die Informationen aus diesen Gesprächen müssen dann allerdings auch wieder verteilt werden – sei es im Direktorenkreis oder auch im Präsidium. Der Informationsfluss und wie dieser sinnvoll gestaltet wird, wird ein weiteres großes Thema sein. Wir müssen sicherstellen, dass Informationen fließen und jeder bzw. jede, die Informationen hat, die er oder sie benötigt. Angefangen von den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen bis hin zum Aufsichtsrat bzw. zu unseren Mitgliedern.

Rein formal erfährt der Bereich Corporate Social Responsibility (CSR) durch diese Umstrukturierung eine Aufwertung. Wie ordnest Du den Stellenwert der CSR ein?

Das Thema gesellschaftliche Verantwortung hat, nicht nur Aufgrund unserer Geschichte, einen großen Stellenwert bei uns. Es geht darum, das eigene Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls zu ändern - was wir als Verein tun und wie wir das tun. Das betrifft Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Mitglieder und Fans aber auch die Anwohner und Anwohnerinnen im Stadtteil, Partnerschaften mit Sponsoren und vieles mehr. Wir wollen dieses Thema ganzheitlicher denken, um wirksam zu sein. Deswegen gehört dieser Bereich für uns auch ganz klar in diesen Führungskreis.

Abschließend noch ein eher unangenehmes Thema: Wenn man sich die Direktorenebene ansieht, fällt auf, dass sie, vorsichtig formuliert, wenig divers besetzt ist…

Überspitzt gesagt, ist es eine Runde alter weißer Männer. Wir wissen um diesen Umstand und es entspricht nicht unserem Ideal an Diversität. Die aktuelle Besetzung ist zunächst nur der Startpunkt und es liegt an uns, den Gremien wie auch den Direktoren, auch auf dieser Ebene in Zukunft mehr Diversität zu schaffen. In anderen Bereichen sind wir schon einen Schritt weiter; etwa mit unserer neuen Leiterin im Bereich Medien Anne Kunze.

Vielen Dank für das Gespräch, Sandra!

 

(hbü)

Foto: Witters

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