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"Jeder unserer U23-Spieler hat das Potenzial, im bezahlten Fußball anzukommen"

Der FC St. Pauli hat vor der Saison die Struktur seiner Nachwuchsarbeit angepasst. Die U23 ist näher an die Profiabteilung herangerückt, auf diesem Weg sollen die Talente noch besser auf den Schritt in den Profifußball vorbereitet werden. Carsten Rothenbach ist zusätzlich zu seiner Aufgabe als Assistent der Geschäftsleitung Sport nun auch noch der Sportliche Leiter der U23. Im Interview, das bereits seit Sonnabend (18.9.) in unserer VIVA-Stadionzeitung zum Heimspiel gegen Ingolstadt zu finden ist, erklärt der 41-Jährige den neuen Kurs, den das Regionalliga-Team eingeschlagen hat.

Moin Carsten, während andere Bundesliga-Vereine ihre U23 abgemeldet haben, um Kosten zu sparen, hat der FC St. Pauli seine Regionalliga-Mannschaft näher ans Profi-Team herangeführt. Warum?

Weil der Übergangsbereich als Zwischenstation zwischen Nachwuchs- und Profibereich für uns eine elementare Rolle spielt: In der Vergangenheit haben wir gemerkt, dass nur die Wenigsten den direkten Sprung aus der U19 in den Profikader schaffen können. Das Potenzial ist zwar oft da, aber einige Spieler brauchen im Hinblick auf die Körperlichkeit und das Spieltempo ein oder zwei Jahre länger. Daher haben wir uns dazu entschlossen, diesen Bereich zu professionalisieren und noch näher am Lizenzbereich anzusiedeln.

Dann sehen wir bald den nächsten Spieler am Millerntor, der das Sprungbrett "U23" genutzt hat?

Eine Garantie auf einen Platz im Profikader gibt es nie. Aber wir wollen die Jungs so vorbereiten, dass sie den Sprung möglichst nahtlos schaffen können. Denn wir wollen mit jungen, talentierten Spielern aus unserem eigenen Nachwuchs den Schritt in Richtung Lizenzbereich gehen.

 

"Unsere U23-Trainer wenden auch die Trainingsprinzipen aus dem Profibereich an."
Carsten Rothenbach

Zuletzt haben sich immer häufiger Spieler über die Regionalliga in den Profifußball hochgearbeitet. Wie groß ist die Schere zwischen den Ligen?

Ich würde da keinen Vergleich ziehen. Es kommt mehr auf die Art an, wie wir ausbilden. Neben der Spielpraxis ist es entscheidend, wie wir die Spieler in der täglichen Arbeit weiterentwickeln – im Training und der Betreuung im athletischen oder medizinischen Bereich drumherum. Jeder unserer U23-Spieler hat das Potenzial, im bezahlten Fußball anzukommen. Dafür wollen wir die Voraussetzungen schaffen und die Jungs dabei bestmöglich unterstützen.

Schon ein Blick auf die Tribüne bei U23-Spielen verrät, wie ernst Euch die Anbindung nach oben ist. Das Profi-Trainerteam und auch Sportchef Andreas Bornemann gehören zu den Dauerbesuchern. Wie funktioniert der Austausch mit den Jungs?

Mit Hugo Teixeira, Max Brandt und Jesper Heim waren drei Spieler in der Vorbereitung im Profitraining dabei. Da findet, auch über Videoanalysen, ein regelmäßiger Austausch statt. Natürlich ist es aber nicht so, dass jeder Spieler im Kontakt mit den Lizenztrainern steht. Die Trainingsprinzipien aus dem Profibereich wenden aber auch unsere U23-Trainer an, sodass die Spieler keine große Eingewöhnungszeit brauchen.

Die U23 spielt, genauso wie die Profis, zum Beispiel mit einem 4-4-2 mit Mittfeldfeldraute.

Genau, ein zentraler Baustein ist es, die gleiche Spielidee und das taktische System der Lizenzmannschaft zu installieren. Die U23 bekommt die Grundsätze mitgegeben, die im Lizenzteam benötigt werden. Jeder weiß, was er zu tun hat. Auf der anderen Seite ist es auch für die Trainer leichter, einen Vergleich und eine sportliche Bewertung der Talente vorzunehmen.

Marcel Beifus und Dennis Smarsch haben sich am Sonntag bei der U23 direkt hervorragend eingefügt.  

Dass wir solche Spieler über die U23 weiterentwickeln können, ist für uns ein Riesenvorteil. Grundsätzlich besteht der Kern der Mannschaft aber aus Spielern aus dem eigenen Nachwuchs - wir haben nur Bennet van den Berg und Justin Plautz extern dazu geholt.

Die beiden kamen aus der Regionalliga West aus Lotte. Merkt Ihr in Verhandlungen eigentlich, dass Euer Konzept über die Nähe zur Profiabteilung auf die Spieler attraktiv wirkt?

Absolut! Das ist sicherlich ein Hauptargument, warum Spieler bei uns unterschreiben. Wir betrachten den U23-Bereich nicht autonom, betonen vielmehr die Durchlässigkeit nach oben. Die U23 ist für uns kein Selbstzweck, sondern erfüllt ihren Sinn dann, wenn alle Spieler eine echte Perspektive haben. Bei van den Berg und Plautz sind wir der Meinung, dass sie noch einen ordentlichen Schritt machen können – unsere Idee hat beide dann auch überzeugt, zu uns zu kommen.

Justin Plautz ist der junge Kapitän einer sehr jungen Mannschaft. Es gibt nicht den klassischen Leitwolf wie bei anderen U23-Teams. Eine bewusste Entscheidung?

In gewissen Phasen der Saison kann es sinnvoll sein einen älteren Leitwolf dabei zu haben. Jedoch würde in einem solchen System ein junges Talent weniger die Möglichkeit auf Spielpraxis bekommen. Mit Yi-Young Park haben wir viel Zweit- und Drittligaerfahrung in der Mannschaft. Wir sehen es als Vorteil an, dass die Jungs schon im jungen Alter Verantwortung übernehmen müssen. In den letzten Spielen haben sie gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

"Die U23 ist für uns kein Selbstzweck, sondern erfüllt ihren Sinn, wenn alle Spieler eine echte Perspektive haben."

Das stimmt, die zwei Siege gegen Phönix Lübeck und Drochtersen/Assel waren sicherlich eine Erleichterung.

Klar. Da fällt den Spielern, aber auch uns Verantwortlichen, ein fetter Stein vom Herzen. Wir sind von dem Konzept und den Spielern überzeugt, wussten aber nach der langen Corona- Pause, dass es Startschwierigkeiten geben könnte. Den Jungs war anzumerken, wie sehr sie sich über ihre Leistung gefreut haben. Wir haben immer versucht, ihnen den Rucksack zu nehmen und sie Fußball spielen zu lassen. Die beiden Siege sind für uns eine Bestätigung.

Wenn Du es Dir wünschen dürftest: Wo steht die U23 in ihrer Entwicklung am Ende der Saison?

Natürlich wollen wir den größtmöglichen sportlichen Erfolg, die Tabelle ist für uns aber nicht das Kernthema. Wir wollen die Spieler besser machen, sodass sie in einem Jahr deutlich mehr Qualität zeigen können. Wenn das der Fall ist, haben wir einiges richtig gemacht.

Vielen Dank für das Gespräch, Carsten!

 

(ms)

Foto: Witters

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