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„Es ist unsere Verantwortung, diese Themen anzugehen“

Michael Thomsen verantwortet seit einem Jahr den CSR-Bereich beim FC St. Pauli. Wir sprachen mit ihm über seine Sicht auf den Bereich Corporate Social Responsibility im FC St. Pauli, die aktuellen Tätigkeiten seines Bereiches und über die kommenden Aufgaben.

Moin Michael, was bedeutet Corporate Social Responsibility für Dich persönlich?

Wörtlich bedeutet CSR, die Verantwortung eines Unternehmens. Ich empfinde den Begriff gerade hier beim FCSP als zu „kurz gesprungen“. Meine Grundüberzeugung ist, dass wir gesellschaftlichen Fortschritt und Verbesserung nur dann schaffen, wenn alle relevanten Gruppen zusammenarbeiten. Darunter fallen die Zivilgesellschaft, Gemeinnützigkeit, Kommune und Wirtschaft. Wenn die alle miteinander agieren und sich auf einen gemeinsamen Nenner einigen, erzeugen wir nachhaltigen gesellschaftlichen Mehrwert.

Wie klappt das aktuell?

Wir sind beim FC St. Pauli bereits mit allen Interessengruppen gut vernetzt. Aktuell intensivieren wir diese Verbindungen. Vor allem geht es dabei um unsere Kontakte in den Stadtteil. Wir sprechen mit Initiativen und schauen, wo die Bedarfe sind und was können wir als FC St. Pauli tun, um gesellschaftlichen Fortschritt erzielen, damit es den Menschen um uns herum besser geht. Wir finden hier auf St. Pauli statt und nur durch die Menschen und das Viertel sind wir so geworden, wie wir sind. Hier stellt sich für uns die Frage: Was geben wir zurück? Der Stadtteil hat viele Herausforderungen: Obdachlosigkeit, Armut, Bildungsferne oder Gentrifizierung. Es ist unsere Verantwortung und auch Selbstverständnis als Gesamtverein, diese Themen anzugehen.

Wie bist Du mit diesem Ansatz vor einem Jahr hier aufgenommen worden?

Total gut. Ich kannte den Verein natürlich aus meiner Zeit im Fanladen und auch als aktiver Fan. Doch natürlich hatte ich keine Innenansicht. Deswegen habe ich erstmal gelernt. Das lief super, weil alle KollegInnen sehr offen waren und mir geholfen haben. Eigentlich lerne ich auch immer noch. Nach und nach konnte ich in Absprache mit allen Gremien und unseren Bereichen eine Strategie entwickeln, den FC St. Pauli als gesellschaftlichen Akteur im Stadtteil strategisch aufzustellen. Das wird von allen mitgetragen und ich habe das Gefühl, dass wir alle an einem Strang ziehen.

Wie ist die Resonanz aus dem Stadtteil?

Sehr positiv! Egal wo wir anfragen, gehen die Türen auf. Auch hier müssen wir natürlich erst lernen, was eigentlich los ist, und den Menschen zuhören. Mit diesen Eindrücken können wir gemeinsam Ideen entwickeln und uns überlegen, was wir im Stadtteil machen können und wollen. Ich glaube, diese Vorgehensweise wird sehr wertgeschätzt. Für uns geht es darum, unsere Kernkompetenzen als Verein mit den Nöten und Bedarfen im Viertel in Einklang zu bringen. Das ist sehr wichtig, denn wir können nicht die Welt retten. Ab und an hat man das Gefühl, dass uns das zwar zugetraut wird, aber im Ernst, es macht Sinn, dass wir uns fokussieren. Wir merken, dass sich die Einrichtungen und Institutionen freuen, wenn der Verein proaktiv in den Stadtteil hingeht.

Schließen die Aktivitäten im Stadtteil aus, dass man auch über die Grenzen St. Paulis hinaus arbeitet?

Teilweise gibt es ja schon Initiativen innerhalb des FCSP die weit außerhalb des Viertels unterwegs sind. Wenn zum Beispiel der Arbeitskreis Refugees Welcome, bestehend aus vielen verschieden Menschen aus dem Gesamtkosmos des FCSP nach Italien fährt, um dort ein Projekt durchzuführen, ist das ja bereits ein internationales Projekt. Wenn wir uns dann als Gesamtverein für Seebrücken-Demos engagieren, ist das auch ein nationales Zeichen. Doch wenn wir nachhaltige und wirkungsorientierte Projekte durchführen wollen, macht es auch Sinn, dass wir uns auf weitere Themen im Viertel konzentrieren. Wenn wir das später skalieren können, machen wir das, aber für uns geht es um die Wirkung von Projekten. Wenn wir beispielsweise Jugendliche auf ihrem Lebensweg begleiten wollen, schaffen wir das nur, wenn wir sie auch räumlich mit unseren Partnern nah begleiten.

Seit einem Jahr bist Du als Verantwortlicher für den Bereich CSR im FC St. Pauli aktiv. Wie hat sich der Bereich in Deinen Augen entwickelt?

Seit dem 1. Februar sind wir zu dritt. Dadurch kommen wir in unseren Prioritäten auch einen Schritt weiter. Reyk Sonnenschein, unser neuestes Mitglied im Team, ist für den Bereich Inklusion zuständig. Natascha Clasen, die bisherige Referentin von Andreas Rettig, ist nun die stellvertretende Leitung im Bereich CSR und vor allem zuständig für die Stadtteilkooperation. Sie ist quasi unser Gesicht nach draußen und koordiniert die Zusammenarbeit mit Initiativen aus dem Viertel. Und ich bin auch noch da und kümmere mich beispielsweise um die Schulkooperationen. Unsere CSR-Abteilung ist in erster Linie auch eine Beratungsinstanz. Wir geben Einschätzungen ab, helfen bei Entscheidungen und sehen uns als Dienstleister für andere.

Verbunden mit dem Stadtteil ist auch der Spendenbeirat.

Als ich beim FC St. Pauli anfing, hat auch der Kiezhelden Spendenbeirat seine Arbeit gerade aufgenommen. Die Idee des Spendenbeirates ist es, dass sichergestellt wird, dass die vielen freien Spenden, die den Verein erreichen, gut verteilt werden. Da gibt es zum einen Dauerprojekte wie beispielsweise das 1910 Museum, den AK Refugees Welcome, die Projekte des Fanladens oder St. Depri e.V. Gleichzeitig war es für den Beirat auch klar, dass Gelder für den Stadtteil genutzt werden. Deswegen gibt es Projektförderungsanträge. Das haben wir so auch im Stadtteil kommuniziert und es klappt auch super. In unserer Januar-Sitzung hatten wir 18 Anträge von verschiedensten Initiativen. Mit allen Themen befassen sich die Beiratsmitglieder und müssen am Ende einstimmig entscheiden, welches Projekt finanzielle Unterstützung bekommt.

Nach welchen Kriterien wird hier entschieden?

Es geht vor allem um die Aspekte Stadtteil, Sport, Inklusion, Integration, Fankultur, Vereinskultur, Musik und Kultur allgemein. Diese werden in den jeweiligen Sitzungen von den Mitgliedern gewichtet und dann wird entsprechend entschieden. Aufgrund der Varianz in den Anträgen gibt es auch eine diverse Verteilung. So wird im Spendenbeirat entsprechend kein starrer inhaltlicher Förderschwerpunkt gesetzt, anders wie zum Beispiel bei Stiftungen.

Neben der Unterstützung von sozialen Projekten im Viertel nimmt das Thema Inklusion einen großen Raum Eurer Arbeit ein. Auf welchem Stand befindet sich der FC St. Pauli hier?

Viele denken, ganz plakativ gesprochen, bei Inklusion an Rollstuhlfahrer und nicht sehende Menschen. Das ist nicht unser Anspruch. Inklusion bedeutet für uns, dass wir alle gesellschaftlichen Gruppen mitnehmen. Deswegen reden wir über LGBT-Themen, soziale Benachteiligung, Senior*innen, Menschen mit psychischen oder körperlichen Handicaps. All die Gruppen spielen für uns eine Rolle. Wenn wir also Inklusion sagen, denken wir Diversity. Im Januar hatten wir den ersten Workshop mit vielen Fans und haben den Status quo abgeklopft und den Bedarf herausgefiltert. Wir gucken wir nun nach Prioritäten und schauen, was für uns machbar ist. Weiter machen wir im Juni einen Workshop mit den sporttreibenden Abteilungen. Wir fokussieren uns beim Thema Inklusion also auf die Fans und den Amateursport.

Wovon hängt hier Fortschritt ab?

Es geht vor allem um die Sensibilisierung von Themen. Gleichzeitig schauen wir, wie wir Dinge besser machen können. Wir als der FC St. Pauli sind es uns selbst schuldig, besser zu werden. Es wäre toll, wenn wir eine Vorreiterrolle einnehmen. Wenn wir über Inklusion sprechen, sind wir bereits gut aufgestellt. Die Sensibilisierungskultur ist klasse, wir haben einen tollen Behindertenbeauftragten und Prozesse und Strukturen, die gut sind. Es geht aber noch besser. Hier vergleiche ich mich ungern mit anderen Vereinen. Unsere Geschichte als Verein ist so besonders, dass sie uns dazu treibt, so gut zu sein, wie wir nur können. Es klingt wie eine Phrase, aber wir müssen auf uns gucken.

Funktioniert Inklusion in einem Fußballverein anders?

Bei uns ist es tagesaktuell. Innerhalb kürzester Zeit können sich Stimmungen ändern. Das ist bei anderen Institutionen vielleicht nicht so schwankend. Darüber hinaus sind die Strukturen im Profifußball etwas anders als z.B. eines klassischen Unternehmens oder gemeinnützigen Organisation, aber am Ende des Tages geht es um dieselben Themen. Es sind dieselben Chancen und Herausforderungen.

CSR hatte eine lange Zeit ein gewisses Nischenimage und soziales Engagement wurde vor ein paar Jahre noch als „Whitewashing“ angesehen. Hat sich hier etwas verändert?

Komplett. Früher konnte man vermeintlich mit dem Kauf eines Bierkastens den Regenwald retten. Das ist nicht CSR. Da ging es um den Abverkauf von Bier und nicht um das soziale Engagements eines Unternehmens an sich. An diesem Punkt hat sich viel getan. Viele große Unternehmen nehmen CSR heute ernster und verstehen CSR nicht als Marketingtool. Ich finde es nicht verwerflich, Gutes zu tun und darüber zu sprechen. Die Grundmotivation kann aber nicht sein, dass ich mit CSR ausschließlich Erlöspotentiale im Blick habe. Wahres, nachhaltiges und wirkungsorientiertes CSR bedeutet, ich mache etwas für meine Umgebung und gewinne etwas für mein Unternehmen. Dem Umfeld geht es besser, die Mitarbeiter können sich engagieren und so steigt auch die Integrität des Unternehmens. Hier sind die großen Unternehmen schon weiter und der Mittelstand zieht gerade nach. Er erkennt, dass gesellschaftliches Engagement mehr ist, als ein Scheck für die benachbarte KITA oder das Zertifikat auf dem Produkt. Wenn man ganz fortschrittlich ist, durchdringt CSR jeden Arbeitsbereich einer Organisation.

Was bedeutet das?

CSR muss eine breite Basis im Unternehmen haben. Das fängt bei der Ökologie und der Nachhaltigkeit an, geht über die Zufriedenheit der Mitarbeiter am Arbeitsplatz und endet in der Arbeit im Gemeinwesen. Ich merke im Verein, dass wir uns hier ganzheitlich aufstellen wollen. Doch das ist natürlich keine kurzfristige Angelegenheit.

Was sind die nächsten Schritte?

Neben dem Thema Inklusion werden wir das Thema Obdachlosigkeit angehen. In den Gesprächen im Stadtteil haben wir gemerkt, dass das Thema, auf welche Art und Weise auch immer, eine hohe Relevanz hat. St. Pauli ist neben der Innenstadt ein Hot Spot der Obdachlosigkeit. Hier müssen wir etwas tun. Weiter werden wir uns im Bildungsbereich engagieren. Da geht es um den Übergang von Schule in den Beruf. Wir haben viele Wirtschaftspartner im Verein und es gibt so viele Schüler*innen, die Unterstützung brauchen. Hier wollen wir vermitteln. Und außerdem werden wir in einer Stadtteilschule das Projekt „Fußball trifft Kultur“ durchführen. Dabei geht es darum, dass 45 Minuten Fußballtraining mit 45 Minuten Nachhilfe kombiniert werden. Themen wie Ökologie und Inklusion werden uns dauerhaft begleiten.

Was wünschst Du Dir aus CSR-Sicht für den FC St. Pauli in mittelfristiger Zukunft?

Ich wünsche mir, dass wir das Image und den Ruf des Vereins wahrhaftig mit guten Projekten und Partnerschaften mit Leben füllen und dabei die großartigen Fan-Initiativen, die den Verein prägen, so stark bleiben, wie sie sind.

Vielen Dank für das Gespräch, Michael! 

 

(lf)

Foto: FC St. Pauli

Auf dem Foto v.l.n.r. Reyk Sonnenschein (Koordinator Inklusion), Natascha Clasen (Koordinatorin CSR), Michael Thomsen (Leiter CSR)

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