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Klare Planung im NLZ: "Unabhängig bleiben und flexibel sein"

Es kribbelt in den Füßen. Der Ball fehlt. Das Kunstleder bleibt im Ballsack und die Fußballschuhe im Regal. Eine triste Vorstellung für jede*n Fußballer*in, die Realität geworden ist. Im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) arbeiten über 100 Mitarbeiter*innen und knapp 200 Nachwuchsspieler sehnsüchtig im Home Office oder im digitalen Training. Der administrative Leiter des NLZs, Björn Benke (37), erklärt im Interview u.a. welche Herausforderungen die derzeitige Situation für die Arbeit im Hintergrund birgt und wie die mittelfristige Zukunft überhaupt planbar ist.

Moin Björn, die wichtigste Frage vorweg: Wie geht’s Dir?

Privat geht’s mir gut. Es ist natürlich hart ohne den direkten Kontakt auf unserem Trainingsgelände. Ich sehe meine Kolleg*innen und Spieler im Moment nur über den Monitor. Dennoch bleiben wir positiv, mehr können wir in der Situation auch nicht machen.

Das stimmt. Über den Monitor stehst Du auch in einem engen Austausch mit NLZ-Leiter Roger Stilz und dem Sportlichen Leiter U10-U14 Benjamin Liedtke. Worauf liegt bei Euren Besprechungen der Fokus?

Wir versuchen seit Anfang März die Entwicklungen und die sich fast täglich verändernde Lage vernünftig einzuschätzen. Wir fügen die Information zusammen und darauf folgen dann viele Abstimmungsgespräche. Es hilft uns, dass der Verein ein Krisenkommunikationsteam eingeführt hat, durch das wir auch aus anderen Bereichen des Vereins viel mitbekommen und die Einschätzungen in unsere Überlegungen mit einbeziehen können.

Und daraus resultierend geht Ihr dann ins Gespräch mit den NLZ-Mitarbeiter*innen?

Genau. Wir wollen Gespräche mit unseren Mitarbeiter*innen führen, um sie abzuholen, gut zu informieren und nicht zuletzt auch anzuhören. Aus den Eindrücken, die wir aus diesen Gesprächen gewinnen, und den gesammelten Informationen treffen wir dann unsere Entscheidungen. Bei größeren, strategischen Themen finalisieren Roger und ich diese mit Andreas Bornemann.

Was sind das für Entscheidungen?

Wir haben uns immer an unserer Zielsetzung orientiert, dass wir nah an unseren Mitarbeiter*innen und Spielern sein wollen. Das heißt aber nicht, dass wir Entscheidungen treffen, die für alle angenehm sind. Uns ist wichtig, dass unsere Beweggründe nachvollziehbar sind. Wir müssen der Pandemie Rechnung tragen und vieles an der Gesamtsituation beim FC St. Pauli und im Fußball allgemein ausrichten. Normalerweise ist unsere administrative Planung auf die Spielzeiten abgestimmt, die zum 30. Juni enden und mit dem 1. Juli durch eine neue Saison fortgeführt werden. Unsere Herausforderung ist es aktuell, einen Übergang hinzubekommen, ohne die Daten dieses Saisonübergangs zu kennen. Gleichzeitig gilt es, den Basisbetrieb zur Ausbildung unserer Spieler aufrecht zu erhalten.

Normalerweise wäre die Saison von Jan Merten Buskies und seiner U17 bereits zu Ende gewesen. Der Saisonübergang ist für das NLZ eine Herausforderung.

Normalerweise wäre die Saison von Jan Merten Buskies und seiner U17 bereits zu Ende gewesen. Der Saisonübergang ist für das NLZ eine Herausforderung.

Wie ist das überhaupt im Moment umzusetzen, wenn noch gar nicht klar ist, wie oder ob die Saison fortgesetzt wird?

Indem wir uns gar nicht auf das "wie oder ob" konzentrieren. Wir wollen, so gut es geht, unabhängig von Verbandsentscheidungen bleiben und haben einen Stufenplan entwickelt, mit dem wir flexibel sind. Am Ende werden wir viel Verständnis von allen Seiten brauchen, können dadurch aber auch mittelfristig die besten Entscheidungen für den Verein und unsere Nachwuchsausbildung treffen.   

Also habt Ihr unterschiedliche Modelle durchdacht?

Ja, genau. Im ersten Schritt mussten wir unsere variablen Ausgaben bis zum 30. Juni möglichst komplett zurückfahren. Die nächste Stufe ist es, ab dem 1. Juli den Basisbetrieb effizient aufzustellen. Dabei liegt der Fokus auf einer Fortsetzung unserer guten Kommunikation mit Spielern und Mitarbeiter*innen, sowie der Erhalt einer Option für eine zeitlich flexible Rückführung in einen geplanten Trainings- und Spielbetrieb. Unabhängig von anderen äußeren Faktoren. Diesen Spagat zwischen Vorgaben von außen und der besten Ausbildung müssen wir hinbekommen. Mit unserem Stufenplan können wir schnell auf verschiedene Situationen reagieren und flexibel die nächsten Maßnahmen einleiten. In der Administration haben wir die Basis in den letzten Jahren gelegt und alle Vertragsdaten, Budgetzahlen und Kontaktdaten sind jederzeit ortsunabhängig griffbereit. So können wir schnell reagieren. Dahinter steht viel bürokratischer Aufwand. Aber es ist ein Segen, die Szenarien mit ein paar Klicks überarbeiten zu können. Und im Moment sehen wir, wofür das gut ist. An dieser Stelle gebührt meinem Administrations-Kollegen Frank Schulz ein besonderer Dank für die gewissenhafte Arbeit.

Im Moment arbeiten bei Euch die verschiedenen Bereiche an Konzeptionierungen auf ihrem Gebiet. In welche Richtung wollt Ihr Euch als NLZ entwickeln?

Diese Situation ist für uns alle neu und wir mussten zunächst unsere Mitarbeiter*innen und Spieler schützen und fürsorglich sein. Da ist im ersten Schritt nicht an Entwicklung zu denken. Im zweiten Moment haben wir aber überlegt, wie wir unter diesen Umständen die Ausbildung am besten aufrechterhalten können. Daraufhin haben wir drei Zielgruppen definiert: Wir versorgten die Spieler mit Microsoft Teams Zugängen für die Online Kommunikation. Zweitens sensibilisierten wir unsere Trainer dafür, auch die digitalen Möglichkeiten auszuschöpfen und sich mit den Spielern persönlich in Calls auszutauschen. Drittens haben wir mit unseren Bereichsleiter*innen abgestimmt, welche Prioritäten in ihren Bereichen konzeptionell zu erarbeiten sind.

Und welche Prämisse bekommen die Bereichsleiter*innen dabei von Euch mit auf den Weg?

Wir brauchen starke Bereiche, die möglichst effizient arbeiten und die Richtung vorgeben, wo sie Potentiale sehen, die wir mit unseren Gegebenheiten beim FC St. Pauli umsetzen können. Da sind die Bereichsleiter*innen die Experten. Unsere Stärke ist es, dass unsere Mitarbeiter*innen innovativ sind und sich mit dem Verein identifizieren. Sie bekommen viele Freiheiten und Verantwortung von uns, müssen im Gegenzug damit aber auch etwas anfangen können und einen Mehrwert für die Ausbildung unserer Jungs schaffen. Verantwortlich handeln und mit Freiheiten gewissenhaft umgehen. So interpretieren wir auch die Werte des Vereins. Für eine bestmögliche Umsetzung ist es wichtig, die Mitarbeiter*innen im Feedback sehr offen zu spiegeln. Auch wenn sich der/die eine oder andere etwas an diese klare Feedback-Kultur gewöhnen muss, schätzen das gute Mitarbeiter*innen von alleine, weil sie sich weiterentwickeln wollen. Wir denken, dass wir mit dieser Führungsart gemeinsam Freude an der Arbeit haben und uns als Verein entsprechend entwickeln können. 

Im Oktober 2019 besichtigten alle Mannschaften von der U16 bis zur U23 die KZ-Gedenkstätte in Neuengamme. Eine Wertevermittlung dieser Art ist im Moment nicht möglich.

Im Oktober 2019 besichtigten alle Mannschaften von der U16 bis zur U23 die KZ-Gedenkstätte in Neuengamme. Eine Wertevermittlung dieser Art ist im Moment nicht möglich.

Du sprichst das Thema "Werte" an, die für Dich eine besondere Rolle spielen. Inwiefern könnt Ihr diese aufgrund der derzeitigen Situation an Eure Spieler weitergeben?

Gerade in der aktuellen Zeit geht es in erster Linie nicht darum, den Jungs in irgendwelchen Online-Workshops Inhalte mitzugeben. Wir wollen vielmehr eine intrinsische Motivation vorleben. Corona zwingt uns, diese tagtäglich im Home Office anzuwenden. Egal ob im Training oder am Laptop. Die intrinsische Motivation ist für mich in einem Sportverein unabdingbar. Für mich hat es aber auch tagtäglich seinen Reiz, Menschen zu entwickeln und gemeinsam erfolgreich zu sein. Wir kontrollieren nicht, wann die Spieler oder Mitarbeiter*innen am Tag ihre Aufgaben durchführen, sondern messen sie an den Ergebnissen. Das sind die Werte, die im Moment enorm wichtig sind und mit denen wir vieles gemeinsam erreichen können. Werte vorleben statt vorgeben.

Es wird auch ein Leben nach der Corona-Krise geben. Welche Möglichkeiten siehst Du, um als NLZ gestärkt aus dieser Zeit hervorzugehen?

Aktuell ist es noch zu früh, um dazu etwas zu sagen, weil die Folgen noch nicht absehbar sind. Ein großes Thema ist aber auch im Nachwuchsbereich der Transfermarkt. Ich sehe den persönlich im Jugendbereich als sehr kritisch an. Im NLZ sollte die Ausbildung und Verselbstständigung der Spieler im Vordergrund stehen und die Jungs sollten sich auf das Wesentliche konzentrieren. Ich bin seit 16 Jahren im Nachwuchsfußball tätig und habe die Erfahrung gemacht, dass die Spieler, die Rückschläge in einem Verein überwunden haben, es am Ende am weitesten gebracht haben. Die Spieler sollten sich bewusst sein, dass man auch gerade beim Übergang zum Profibereich mit Rückschlägen umgehen muss und eine "Flucht" zu einem anderen Verein viele andere Baustellen mit sich bringt. Vielleicht hilft Corona in den nächsten Jahren die Geldbeträge im Wettkampf um die größten Talente nicht weiter in den Vordergrund zu rücken. Dann kann ich auch der aktuellen Situation etwas Positives abgewinnen.

Emotionen, die fehlen. Die Young Rebels arbeiten im Moment ohne Ball im Home Office.

Emotionen, die fehlen. Die Young Rebels arbeiten im Moment ohne Ball im Home Office.

(ms)

Fotos: FC St. Pauli

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