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Lebenswege 1933-45 - gut besuchte Vernissage in der St. Pauli Kirche

"Willkommen im FC St. Pauli-Museum!", heißt es neuerdings auch am Pinnasberg 80: Zur Ausstellungseröffnung "FC St. Pauli: Lebenswege 1933-45" in der St. Pauli Kirche kamen neben Ewald Lienen auch zahlreiche Besucherinnen und Besucher. Die Ausstellung ist bis Sonntag (1.3.) fast jeden Donnerstag, Sonnabend und Sonntag geöffnet, die Öffnungszeiten sind auf www.stpaulikirche.de zu finden.

Aus einer Nische im Kirchensaal, gleich neben dem Lebensweg von Herbert Müller, beobachtete Apostel Paulus das Geschehen. Und so gehörte gewissermaßen auch der Namensgeber von Kirche, Stadtteil und Fußballverein zu den gut 100 Vernissagengästen. Schon vor Beginn des Programms, das von Pouya Abdi-Irdmoussa am Piano musikalisch umrahmt wurde, betrachteten sie mit großer Aufmerksamkeit die über den ganzen Kirchensaal verteilte Ausstellung.

Schon vor Beginn des Programms war der Kirchensaal gut gefüllt.

Schon vor Beginn des Programms war der Kirchensaal gut gefüllt.

Ein Kirchensaal, der übrigens auch vor Heimspielen des Magischen FC immer wieder gern frequentiert wird, so Pastor Martin Paulekun: "Oft kommen Fans, auch von ganz weit her, und beten hier in der Kirche dafür, dass der FC St. Pauli gewinnen möge. Nun fragen sich manche, ob man wirklich für den Ausgang eines Fußballspiels beten sollte. Ich sage dann immer: 'Wenn Gott dann doch mal Fußball guckt, dann guckt er wahrscheinlich den FC St. Pauli.'"

"Glaube, Hoffnung, Liebe": Pastor Martin Paulekun erinnerte an ein auch am Millerntor beliebtes Wort des Apostels Paulus und zeigte ein "Drei Tages-Tatoo" (in der Kirche erhältlich).

"Glaube, Hoffnung, Liebe": Pastor Martin Paulekun erinnerte an ein auch am Millerntor beliebtes Wort des Apostels Paulus und zeigte ein "Drei Tages-Tatoo" (in der Kirche erhältlich).

In seinen Worten zur Eröffnung verwies Martin Paulekun auf die große Aktualität der Ausstellung, gerade angesichts des gegenwärtigen politischen Klimas: "Demokratie und Menschenrechte sind in dieser Welt keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen immer errungen und erkämpft werden. Der FC St. Pauli hat nicht immer an dieser Stelle gestanden – klar antirassistisch, antifaschistisch und gegen Rechts, da, wo er heute steht. Doch wie der Verein ist auch die Kirche verstrickt gewesen in den Jahren 1933-45." Die Ausstellung, die die Entscheidungen und Schicksale von acht Mitgliedern des FC St. Pauli vorstellt und in einem Epilog auch über das Kriegsende hinaus erzählt, sei "eine Chance, aus der Geschichte zu lernen."

Ähnlich sah es auch Ewald Lienen: "Ich bin stolz auf die Arbeit des Museums-Teams. Und ich bin stolz, Teil eines Vereins zu sein, der sich mit diesen Themen auseinandersetzt – gerade, weil es in früheren Zeiten nicht so war." Allzu oft würde diese Auseinandersetzung missverstanden: "Oft heißt es in Bezug auf 1933-45: 'Wir wollen davon nichts mehr hören, die Zeit ist vorbei.' Aber beim Erinnern geht es nicht nur darum zu gedenken, sondern es geht darum, mit Hilfe einer solchen Ausstellung klar zu machen, dass wir JETZT etwas tun müssen. Nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Das Gedenken, das Erinnern muss dazu führen, dass wir uns jetzt in diesem Moment Gedanken darüber machen: Wo wollen wir hin? Was sind das eigentlich für gesellschaftliche Erscheinungen, die wir sehen? Was kann ich selber tun, und was für eine Art Gesellschaft wollen wir haben, damit so etwas nicht wieder passiert?"

Ewald Lienen erinnerte in seiner mit großem Applaus aufgenommenen Ansprache an die Verantwortung jedes Einzelnen, sich für eine demokratische Gesellschaft einzusetzen.

Ewald Lienen erinnerte in seiner mit großem Applaus aufgenommenen Ansprache an die Verantwortung jedes Einzelnen, sich für eine demokratische Gesellschaft einzusetzen.

Dass Christoph Nagel, Kurator der Ausstellung und Vorstandsmitglied es FC St. Pauli-Museums, die St. Pauli Kirche in seiner Ansprache gleich zur "FC St. Pauli Kirche" machte (sehr zur Freude des Publikums), war Folge einer "Überkompensation", so Nagel: "Ich werde im Moment häufig gefragt, ob unser Museum denn umziehen muss, man habe davon in der Zeitung gelesen. Dann muss ich immer auf das 'FC' vor dem 'Sankt' hinweisen: Unsere Freunde vom Sankt Pauli Museum müssen leider wirklich aus der Davidstraße ausziehen. Wir vom FC St. Pauli-Museum bleiben aber am Millerntor – und eröffnen nächste Woche unsere Dauerausstellung. Ab 24. Januar ist das KIEZBEBEN 2.0 immer von Donnerstag bis Sonntag geöffnet!"

Christoph Nagel, Kurator der Ausstellung, im Gespräch.

Christoph Nagel, Kurator der Ausstellung, im Gespräch.

Die "Lebenswege"-Ausstellung, so Nagel, geht auf ein früheres Projekt zurück: "Unsere erste große historische Ausstellung in der fertig ausgebaute Museumsfläche war 2017 ganz bewusst eine Ausstellung über den FC St. Pauli im 'Dritten Reich'." Schon damals hatte das Museums-Team damit begonnen, die vorgestellten Lebenswege unter Rückgriff auf die Forschungserlebnisse von Gregor Backes (veröffentlich hier: KLICK!) und Archivmaterial aus dem 1910 e.V.-Archiv sowie aus den Recherchen für "FC St. Pauli. Das Buch" aufzubereiten.

Dass der Kern der Ausstellung in neuer Struktur anlässlich der Aktionen zum 200. Geburtstag der St. Pauli Kirche nun auch dort zu sehen sei, sei ein großes Glück: "Das Thema 'Lebenswege' und dir Kirche passen sehr gut zusammen." Die Geschichte, die diese Lebenswege zusammen erzählten, sei eine "Geschichte ohne Helden: Eine klare Widerstandsbiographie ist in der Geschichte des FC St. Pauli nicht nachweisbar."

Im Epilog der Ausstellung wird erzählt, wie es den vorgestellten St. Paulianern nach 1945 erging.

Im Epilog der Ausstellung wird erzählt, wie es den vorgestellten St. Paulianern nach 1945 erging.

Stattdessen (das zeigt auch die Ausstellung) gab es Graustufen und Abwägungen, Pragmatismus und Selbsterhaltung, vorauseilenden Gehorsam und überraschenden Mut – aber auch NS-Karrierestreben und Bereicherung an "arisiertem" Eigentum. Facetten eines "Mitläufervereins", der sich zwar nicht enthusiastisch auf die Seite der Machthaber schlug, der aber auch keinen offenen Widerstand leistete.

"Die klare Kante gegen Rechts im FC St. Pauli von heute ist keine Selbstverständlichkeit, sondern eine Errungenschaft", betonte Nagel. "Ebenso wie die Demokratie unserer Gesellschaft im Ganzen. Wir alle müssen uns immer wieder gemeinsam dafür gerade machen, sie zu bewahren."

Eingang der St. Pauli Kirche. Bis Sonntag (1.3.) ist die "Lebenswege"-Ausstellung dort fast jeden Donnerstag, Sonnabend und Sonntag geöffnet.

Eingang der St. Pauli Kirche. Bis Sonntag (1.3.) ist die "Lebenswege"-Ausstellung dort fast jeden Donnerstag, Sonnabend und Sonntag geöffnet.

Die Ausstellung "FC St. Pauli: Lebensweg 1933-45" ist bis einschließlich Sonntag (1.3.) in der St. Pauli Kirche, Pinnasberg 80, fast jeden Donnerstag, Sonnabend und Sonntag geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Die nächsten Öffnungstage sind Sonnabend (18.1.) und Sonntag (19.1.) jeweils von 13 bis 16 Uhr sowie Donnerstag (30.1.) von 15 bis 18 Uhr. Weitere Öffnungszeiten sind auf www.stpaulikirche.de zu finden. Für Gruppen ab acht Personen sind individuelle Öffnungen möglich; Anfragen über das Büro der St. Pauli Kirche: KLICK!

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Tipps zum Thema

  • Für Schulklassen und Jugendgruppen bietet BAM! Bildung am Millerntor, das Bildungsprojekt des FC St. Pauli-Museums, Workshops u.a. zum Thema "FC St. Pauli im 'Dritten Reich'" an. Mehr Infos: KLICK!
  • Für alle, die mehr wissen wollen, ist das Buch "Mit deutschem Sportgruß. Der FC St. Pauli im Nationalsozialismus" von Gregor Backes sehr empfehlenswert. Ihr bekommt es im Buchhandel oder im 1910-Shop des Museums: KLICK!
  • Wenn Ihr die Arbeit des FC St. Pauli-Museums und seines Betreibervereins 1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V. unterstützen möchtet, dann werdet doch einfach Museumsmitglied! Hier findet Ihr alles, was Ihr braucht: KLICK!

 

Text: 1910 e.V.

Fotos: Sabrina Adeline Nagel

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