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"Der Fußball ist sich seiner Verantwortung nicht bewusst"

Es gibt einige großartige Frauen im FC St. Pauli und im Sport, leider noch immer zu wenige. Stephanie Gonçalves Norberto ist die Pädagogische Leitung im NLZ und möchte das ändern. Nicht nur beim FC St. Pauli, sondern überall im Sport. Wir sprachen mit ihr über den Weltfrauentag, den geringen Anteil von Frauen im Sport und ihre Initiative "The League", mit der sie sich für Gleichberechtigung einsetzt. 

Heute ist Weltfrauentag. Ein Tag, der uns daran erinnert, dass wir noch so viel zu tun haben, wenn es um die Gleichstellung geht. Was bedeutet dieser Tag für Dich?  

Für mich ist jeder Tag Weltfrauentag. Ich finde es schwierig, 364 Tage im Jahr über dieses Thema zu schweigen und sich dann einen Tag im Jahr daran zu erinnern, dass wir noch nicht da sind, wo wir hinwollen. Nämlich zu einer Gleichberechtigung zwischen Frauen, Männern und allen nicht binären Personen. Dennoch ist dieser Tag sehr wichtig, denn er sorgt für eine gewisse Sichtbarkeit des Problems und zeigt uns auf, dass es noch viel zu tun gibt. 

In der ganzen Debatte fehlt mir aber leider oft der intersektionale Blick. Es reicht nicht, nur von der weißen privilegierten Frau auszugehen. Man muss bedenken, dass es viele mehrfach marginalisierte Menschen gibt, die dem Thema noch einmal stärker ausgesetzt sind, weil sie mehrfach diskriminiert werden. Beispielsweise durch Rassismus. Die Intersektionalität ist in meinen Augen unerlässlich. 

In der Geschichte des Weltfrauentags ging es immer darum, für Frauen die gleichen Rechte wie für Männer einzufordern. Gesellschaftlich und politisch. Wo stehen wir aus Deiner Sicht in dieser wichtigen Sache?   

Im Fußball sind vier Prozent der Leitungspositionen mit Frauen besetzt. Beim FC St. Pauli haben wir mit Anne Kunze und mir nur zwei Frauen im hauptamtlichen Bereich in Leitungsfunktionen. Hinzu kommen noch Sandra Schwedler und Christiane Hollander im Ehrenamt. Meines Wissens ist Sandra die einzige Aufsichtsratsvorsitzende im deutschen Profifußball. In meinen Augen ist das ein Armutszeugnis für den Fußball. Man muss sich vor Augen halten, was der Fußball erreichen kann und was für eine Kraft er entwickeln kann. In dieser Kraft liegt eine extreme Verantwortung und meiner Meinung nach ist sich der Fußball der Verantwortung noch gar nicht bewusst.  

Was muss passieren? 

Es muss ein gewisser Druck aufgebaut werden. Das kann zum Beispiel durch eine Quote geschehen. Beispielsweise gibt es beim FC St. Pauli das Bestreben, eine Quote für Frauen in Führungsgremien einzuführen. Grundsätzlich müssen sich die Unternehmen klarmachen, dass das Thema kein Trend ist, dem man nachgehen sollte. Es sollte klar sein, dass es keine Alternative mehr gibt. 

Neben Druck von außen durch Regeln bedarf es auch einer Änderung von Handlungsweisen und Denkmustern. Egal ob bewusst oder unbewusst. Wie können wir hier besser werden?  

Wir müssen uns zugestehen, dass unsere Gesellschaft sexistisch sozialisiert ist. Wir haben auf verschiedenen Ebenen ein strukturelles Problem. Ein Beispiel ist unsere Sprache. Diese gilt es zu reflektieren. Unsere Sprache ist männlich dominiert. Wir wissen, dass Sprache ausgrenzen kann. Das zeigt sich zum Beispiel beim Thema Rassismus. Auch die Außendarstellung ist männlich dominiert. Wenn wir uns die Werbung oder Bühnen von bekannten Sportkonferenzen anschauen, sehen wir nur Männer. Unternehmen und Vereine müssen ihre internen Strukturen modifizieren, um dieses ernstzunehmende Problem langfristig zu lösen.  

Sind die Menschen dazu bereit? 

Natürlich ist Mindsetting wichtig, aber leider ist nicht jeder Mensch bereit, sein Selbstverständnis zu hinterfragen. Und das ist das Problem: die fehlende Fähigkeit der Empathie. Es geht darum, dass jeder Person klar wird, dass sie einen Beitrag leisten kann. Weiter muss man betroffenen Personen zuhören und nicht infrage stellen, ob die Person wirklich sexistisch behandelt wurde. Wir Menschen lernen ja auch in anderen Bereichen immer mehr. Warum nicht auch hier? Man kann sich zu dem Thema weiterbilden, indem man Bücher liest, Podcasts hört oder sich anderweitig damit beschäftigt.  

Eigentlich sollte das Thema oberste Priorität haben.  

Ja, eigentlich schon. Wenn wir es aus der Sichtweise betrachten, sprechen wir von Basics. Es geht um Sprache, Kommunikation und Menschen. Es geht aber auch um Veränderungen. Systeme werden bekannterweise nicht von den Menschen verändert, die sie geschaffen haben.  

Wie siehst Du Deine Rolle als weibliche Führungsperson in einem jungen, männlich dominierten Umfeld?  

In meiner Funktion als pädagogische Leitung muss ich bei dem Thema auch an unsere männlichen Nachwuchsspieler denken. Ich sage es immer wieder und ich werde nicht müde davon: Wir tragen im NLZ eine große Verantwortung. Und unsere Verantwortung liegt u.a. darin, den Jungs aufzuzeigen, was möglich ist: Frauen an der Spitze des Fußballs. Ich sehe meine Rolle als weibliche Führungsperson als einen ersten guten Schritt, aber darauf dürfen wir uns nicht ausruhen.

Du selbst bist auch aktiv und hast eine Initiative gegründet, die sich für Gleichberechtigung im Sport Business einsetzt, Frauen aus dem Sport verbindet und unterstützt. Wie kam es dazu?  

Ich habe die Initiative "The League" vor knapp einem Jahr gegründet. Seit fast vier Jahren bin ich nun im Fußball und war geschockt, als ich erkannt habe, wie viel Luft nach oben im Fußball ist. Ich liebe den Fußball, aber ich konnte ihn auch lange nicht mehr ernst nehmen, weil mir die realistische Spiegelung unserer Gesellschaft fehlt. Wir können nicht davon sprechen, dass Fußball Vielfalt bedeutet, aber nach innen finden wir diese Vielfalt nicht. Das war mein Anstoß. Mit The League wollen wir Veränderungen voranbringen.  

Wie waren die ersten Reaktionen auf Deine Initiative?  

Die waren überwältigend. Ich habe sehr viel positive Rückmeldungen und Zuspruch von so vielen Frauen erhalten. Die Teilnahme an den Events ist groß und zeigt, wie viel Bedarf da ist. Mit The League habe ich das Rad nicht neu erfunden, aber es müssen noch mehr Menschen werden, die sich engagieren.

Was macht diese Initiative ganz konkret?   

The League ist eine Plattform für Frauen und nicht binäre Personen. Wir organisieren regelmäßige Events, um Frauen und nicht binären Personen eine Bühne zu verschiedensten Themen zu geben. Vergangene Woche hatten wir mit Katja Kraus und Annie Brandt einen Talk zum Thema „Macht der Sprache“. Am heutigen Weltfrauentag sprechen wir mit Sandra Schwedler, Daniela Wurbs und Afsoon Alipour-Hoeft zum Thema Sexismus in der Sportbranche. Unsere Events sollen Sichtbarkeit schaffen. Wir wollen inspirieren und den Austausch und das Vernetzen zwischen Frauen und nicht-binäre Personen stärken. Wir freuen uns über jeden Kontakt und jede Kooperation in die Richtung, um gemeinsam den Gleichstand abseits der Spielfelder anzukurbeln.

Welche Erfahrungen teilen die Menschen in diesen Gesprächen? 

Das ist ganz unterschiedlich. Eine Sache ist aber uns allen klar. Man wird oft nicht gesehen und nicht gehört. Aber darum geht es uns bei The League in erster Linie nicht. Es geht uns um die geballte Kraft, die hinter diesen Frauen und nicht-binären Personen steckt. Wir erleben bei The League immer wieder ein empowerndes Gefühl, wenn wir bei unseren Events mit so vielen inspirierenden Menschen im Austausch sind. Und genau darum geht es.  

Was wünschst Du Dir für Zukunft?  

Ich wünsche mir nichts mehr. Ich fordere ein. Ich fordere ein, dass wir mit der uns bekannten Schnelllebigkeit aus dem Sport dieses Thema anpacken und die Veränderungen voranbringen. Es geht darum, zügig ins Handeln zu kommen. 

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St. Pauli – 100 Blickwinkel 

 
Steffi unterstützt ebenfalls die Aktion “St. Pauli – 100 Blickwinkel”. Unter diesem Motto können Frauen und nicht-binären Menschen ihren künstlerischen Beitrag zur Neugestaltung der Haupttribüne im Millerntor-Stadion leisten. Mit insgesamt 100 Arbeiten aller Genreswerden die Blickwinkel auf St. Pauli als Verein, Stadtteil und Lebensgefühl bewusst verändert und aus rein weiblicher Sicht gezeigt. Im folgenden Clip erklären Steffi, Sandra & Vale, was sie mit dem Viertel und deVerein verbinden: 

Du hast Lust, Deinen künstlerischen Beitrag zu "St. Pauli – 100 Blickwinkel" auf der Haupttribüne im Millerntor-Stadion zu leisten? Wir freuen uns über Deinen Entwurf bis zum 19. März 2021Hier findet Ihr alle Infos zur Aktion "St. Pauli - 100 Blickwinkel" 

 

(lf)

Fotos: Witters / Stefan Kraupner

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