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NLZ-Leiter Liedtke: "Unser Wunsch ist es nicht getrennt, sondern als gesamter Sport zu denken"

Ein langes Jahr neigt sich dem Ende zu. Nachdem Roger Stilz zum vergangenen Jahreswechsel den Posten als Leiter des Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) abgab, rückte Benjamin Liedtke zunächst zum kommissarischen und später zu dessen festen Nachfolger auf. Im Interview, das zuerst exklusiv in der VIVA-Stadionzeitung zu lesen war, spricht der 34-Jährige über ein pandemisch geprägtes Jahr im Nachwuchsfußball, ein dennoch positives Jahresfazit und die große Aufgabe für 2022.  

Moin Benni, vor 365 Tagen sah die Welt für Dich noch ziemlich anders aus. Wie kalt war für Dich das Wasser, nachdem Roger Stilz uns in Richtung Belgien und Du die NLZ-Leitung zunächst kommissarisch übernahmst?  

Roger hat sich kurz vor dem Jahreswechsel bei mir gemeldet und mir mitgeteilt, dass er den Verein verlassen wird. Die Entscheidung kam für mich plötzlich. Hinzu kam die schwierige Situation der Profi-Mannschaft, die damals Tabellenvorletzter war, und wir befanden uns mit dem NLZ noch mitten im Corona-Lockdown. Die Situation war also eine große Herausforderung. Glücklicherweise war ich vorher schon in fast alle Themen eingebunden, sodass die Aufgaben nicht komplett neu waren. Dementsprechend war das Wasser zwar kalt, aber auch ein schönes Signal des Vereins für meine bisherige Arbeit mir die Verantwortung zu übertragen.  

Das war sicherlich keine leichte Aufgabe alle mitten im Lockdown bei Laune zu halten 

Das allergrößte Ziel war es, die Verbindung zu den Spielern nicht zu verlieren. Hier haben wir alle im NLZ einen großartigen Job gemacht. Viele, viele Calls und viele Gespräche mit Spielern und Mitarbeiter*innen. Glücklicherweise war unsere digitale Infrastruktur so gut, dass die Umstellung uns recht leichtgefallen ist. Wir konnten die Zeit gut nutzen, um unsere Konzepte zu erweitern.  

Wie waren diese Monate gerade für junge Leistungssportler?  

Es war spürbar, dass sich ihr kompletter Alltag verändert hat. Es hat keine Schule stattgefunden, dazu hat der Strukturgeber Fußball mit vier Mal die Woche Training plus Spiel gefehlt. Wir haben versucht möglichst häufig digital zusammenzukommen, um das Miteinander nicht zu verlieren. Die Jungs waren dankbar für die Struktur, die dadurch geschaffen wurde. Mit zunehmender Dauer des Lockdowns war bei allen aber die Ungeduld spürbar. Als dann die ersten Lockerungen kamen, mussten wir abwägen. Die Pandemie war noch nicht vorbei. Die Verantwortung, trotz aller Lust auf den Fußball, nach wie vor groß. Dementsprechend haben wir versucht die Einheiten sukzessive zu steigern.

"Das allergrößte Ziel war es, die Verbindung zu den Spielern nicht zu verlieren."

Zumindest für diesen Jahresrückblick schließen wir das Corona-Kapitel und wenden uns dem Sportlichen zu: Bei der Trainerkonstellation hat sich kurzfristig vor der Saison viel verändert.  

Grundsätzlich haben wir in den letzten Jahren viel Beständigkeit im Personal. Es ist unser Ansatz Mitarbeiter*innen zu entwickeln und ihre Schritte zu begleiten. Auch mit dem Abgang von Tobias Trulsen kurzfristig vor Saisonstart war es für uns klar, dass internes Personal Priorität hat. Mit dem damaligen U17 Cheftrainer Benjamin Olde hatten wir sofort hervorragenden Ersatz parat. Die vakante U17 Stelle konnten wir dann auch intern besetzen.  

Du klingst sehr zufrieden mit der Lösung, die Ihr gewählt habt. 

Ich bin zufrieden mit der Trainerkonstellation aktuell. Das Training hat ein hervorragendes Niveau erreicht. Nun geht es um Details. Hier bleiben wir dran. Das Mindset unserer Mitarbeiter*innen sorgt dafür, dass wir uns nicht mit dem Status quo zufrieden geben möchten.   

Eine weitere Veränderung ist die verstärkte Nähe der U23 zur Lizenzmannschaft. Was hat das NLZ noch mit der U23 zu tun?  

In der Analyse der aktuellen Strukturen war uns sofort klar, dass wir die U23 unbedingt näher an die Lizenz anbinden wollen. Im Verständnis von Andreas Bornemann, Carsten Rothenbach und mir ist die U23 als Übergangsmannschaft unser höchstes Ausbildungsteam. In dieses Konstrukt wollen wir bewusst hineinentwickeln und es soll ein bewusster Zwischenschritt zur Profimannschaft sein. Unser Auftrag ist es, maximal viele U19-Spieler für die U23 empfehlen zu können.  

"Wenn du nicht im Wettkampf bist, dann fehlt dir einfach was."

Der gesamte Prozess ist also ein Zusammenspiel aus Lizenzabteilung und Nachwuchsleistungszentrum.  

Genau, unser Wunsch ist es nicht getrennt, sondern als gesamter Sport zu denken. Carsten, als Sportlicher Leiter der U23, und ich sind im permanenten Austausch und versuchen den perfekten Übergang zwischen U19 und U23 aber auch U23 und Lizenz herzustellen.  

Auf dem Weg nach oben müssen sich die Jungs durch viele Jahrgänge kämpfen. Wie bewertest Du die Saison unserer Jugendmannschaften?  

Ich bin positiv überrascht, dass wir trotz der Rahmenbedingungen – der lange Lockdown, der Leitungswechsel, die infrastrukturelle Veränderung von der Kollau an den Brummerskamp, coronabedingte Einschränkungen in Training- und Spielbetrieb – gut gestartet sind. Das war häufig viel Freestyle, Freestyle konnten wir aber schon immer ganz gut.  

Ein erhöhtes Verletztenaufkommen war dennoch spürbar, es gab viele Spieltage nach Monaten ohne Wettkampf und dadurch tendenziell ein höheres Risiko für Verletzungen. Mit der U19 stehen wir knapp über dem Strich. Bis auf den Saisonstart gegen Kiel habe ich aber überwiegend gute Leistungen gesehen. Uns fehlte in vielen Spielen das Spielglück. Trotzdem haben wir es geschafft Spieler frühzeitig in den Herrenbreich zu entwickeln. Wir sind aber optimistisch, dass wir in der Rückrunde bessere Ergebnisse erzielen werden. Denn zum einen haben wir zwar schon Spieler zur Lizenz hochgeben… 

…Igor Matanović nimmt gerade bei den Profis wieder eine größere Rolle ein, Niklas Jessen ist Dauerbrenner bei der U23… 

…jedoch kommen zum anderen viele Spieler aus Verletzungen zurück. In der U17 sind wir Tabellenzweiter und damit besser als erwartet. Kompliment an das Trainerteam um Benny Hoose. Die U16 ist mit ihrem kleinen Kader voll im Soll, die U15 ist Tabellenführer in der Regionalliga. Die U14 konnte in der Hamburger Oberliga die Herbstrunde mit dem ersten Platz beenden. Darunter sind wir in den Kleinspielformen nicht so sehr ligagebunden, unser Fazit ist insgesamt auch dort gut. Wir haben es nach der langen Pause doch schneller geschafft wieder leistungsfähig zu sein als gedacht.  

Nichtsdestotrotz fehlt den Jungs fast ein Jahr in der Entwicklung. 

Klar, wenn du nicht im Wettkampf bist, dann fehlt dir einfach was. Im Bereich U17, U19 und U23 ist das nicht so deutlich, weil sie als Berufsfußballer lange trainieren durften. Aber gerade im Übergang auf das große Feld, wo einigen Teams fast ein komplettes Großfeldjahr fehlt, haben noch viele Mannschaften Schwierigkeiten.   

"Wir wollen die Top-Adresse für unsere Hamburger Fußballtalente sein."

Im Januar bekommst Du zur Unterstützung mit Fabian Seeger einen Sportlichen Leiter an Deine Seite, Ihr bildet eine Doppelspitze in der NLZ-Leitung. Wie sind Eure Aufgaben verteilt?  

Durch das Arbeitspensum in der Leitung ist es nicht möglich, im Kernbereich Fußball eine permanente Betreuung herzustellen. Wir wollen nicht nur Spieler, sondern auch Trainer ausbilden. Der Grundgedanke von Andreas und mir war es, eine Person zu suchen, die sich um die Trainerausbildung und die enge Begleitung der Top-Talente als "Leiter im Trainingsanzug" auf dem Platz kümmert. 

Fabian Seeger ist seit 2017 DFB-Stützpunktkoordinator und war auch lange als Stützpunkt- und Auswahltrainer tätig.  

Ich bin sehr glücklich, dass es uns mit Fabian gelungen ist jemanden zu verpflichten, der seit Jahren im Hamburger Fußball fest verankert ist. Es kann sehr wertvoll sein, dass er uns einen Blick aus den Verbandsstrukturen auf das NLZ gibt. Ich selbst habe seit 13 Jahren fast ausschließlich die Perspektive auf das NLZ. Das zusammenzuführen, ist super interessant.  

Durch die Infektionslage ist der Blick ins Jahr 2022 ein stückweit ungewiss. Was habt Ihr Euch aber grundsätzlich für das nächste Jahr auf die Agenda geschrieben? 

Wir wollen die Top-Adresse für unsere Hamburger Fußballtalente sein. Der Aspekt der Regionalität in der Ausbildung ist uns besonders wichtig. Unser Auftrag ist es, den großen Talentepool der Stadt optimal zu nutzen und auf dem Feld einen FC St. Pauli Fußball mit hohem Identifikationspotenzial sichtbar werden zu lassen. Dafür werden wir jeden Tag arbeiten.  

 

(ms)

Foto: FC St. Pauli

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