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Fußball-WM: Politische und historische Perspektiven im FC St. Pauli-Museum

Sammelbilder. Fan-Artikel. Sondersendungen und Zeitungs-Specials: Die kommerziellen und sportlichen Seiten der Fußball-WM 2018 sind nahezu allgegenwärtig. Seltener kommen die politischen, gesellschaftlichen und historischen Dimensionen zur Sprache – und genau die standen im Mittelpunkt zweier Veranstaltungen im FC St. Pauli-Museum.

Den Anfang machte der „Kracher von Moskau“: Am Montag (11.6.) luden die Aktiven vom 1910 – Museum für den FC St. Pauli e.V. zusammen mit dem Zentrum deutsche Sportgeschichte und unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung zu einer historischen Filmpräsentation ein.

In seiner sehenswerten Doku ist es Autor Thomas Grimm gelungen, der Öffentlichkeit ein weithin unbekanntes Kapitel deutsch-sowjetischer Beziehungsgeschichte im „Kalten Krieg“ zu präsentieren: Das Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft in Moskau vom August 1955.

Von der politischen Macht des Fußballs

Kein Spiel wie jedes andere: „Der ‚Kracher von Moskau‘ könnte in unserer Erinnerungskultur neben dem ‚Wunder von Bern’ oder der ‚Nacht von Rio‘ einen Platz als vielleicht politischstes Spiel einer DFB-Elf einnehmen“, so der Berliner Historiker Dr. René Wiese, der mit vielen wissenswerten Hintergrundinformationen durch den Abend führte.

Dr. René Wiese vom Zentrum für deutsche Sportgeschichte. Foto: Thomas Glöy

Dr. René Wiese vom Zentrum für deutsche Sportgeschichte. Foto: Thomas Glöy

„Fußball findet nicht nur auf dem Platz statt, sondern ist immer auch ein Ausdruck seiner Zeit und der Menschen die in ihr leben“, so Wiese. Nicht nur die politische Dimension des Fußballs – am Millerntor bestens bekannt – werde am Beispiel dieser außergewöhnlichen Begegnung sichtbar, sondern auch seine emotionale Kraft und das Potential, Veränderungen zu bewirken.

„Der ‚Kracher von Moskau‘ hat 1955 den Boden für etwas Bemerkenswertes bereitet: eine politische Annäherung zwischen ehemaligen Kriegsgegnern“, fasst René Wiese zusammen. „Und das trotz ‚Kaltem Krieg‘ und einer politischen Eiszeit zwischen Moskau und Bonn!“

WM: Menschenrechte unter „ferner liefen“?

Auch am Dienstag (12.6.) stand der Zusammenhang von Politik und Fußball im Vordergrund – allerdings aus aktueller Perspektive: Unter dem Motto „Foulspiel WM“ hatte der Verein umdenken – Heinrich Böll Stiftung e.V. in Zusammenarbeit mit der Rosa Luxemburg Stiftung, 1910 e.V. und dem FC St. Pauli und unterstützt von der Bundeszentrale für politische Bildung zur Diskussion über zivilgesellschaftliche Chancen und Rückschläge durch Sportgroßereignisse eingeladen.

„Wem gehört eigentlich der Fußball?“, fragte Michael Thomsen (Leitung Corporate Social Responsibility beim FC St. Pauli) in seiner Einleitung. Den Fans, den Vereinen, den Verbänden? Gleich wie man die Frage beantwortet, die gesellschaftliche Strahlkraft des Fußballs ist offensichtlich. Welche Verantwortung daraus erwächst und wie sie wahrgenommen werden soll – das wiederum ist höchst umstritten.

Im Vortrag von Journalist und Buchautor Ronny Blaschke (u.a. „Gesellschaftsspielchen“ / „Angriff von Rechtsaußen“ – Klick) wurde das deutlich: „In wie vielen der 211 FIFA-Länder spielen Menschenrechte überhaupt eine Rolle?“, fragte er provokant. Vielfach dienten sportliche Großereignisse nicht als Katalysatoren für mehr Freiheit und Demokratie, sondern als Motor für das dauerhafte Hochfahren des Sicherheitsapparates.

Buchautor und Journalist Ronny Blaschke bei seinem Vortrag im FC St. Pauli-Museum. Foto: Andrea Plagemann

Buchautor und Journalist Ronny Blaschke bei seinem Vortrag im FC St. Pauli-Museum. Foto: Andrea Plagemann

Ethisch zweifelhafte Geldquellen, Landschaftsvernichtung durch gigantische Bauten (die später nicht selten zu Stadionruinen werden) und Nutzung von Spielern und Vereinen für staatliche Propaganda seien in vielen Ländern zu beobachten – ganz zu schweigen von der Kriminalisierung von Fans und der Diskriminierung und Verfolgung von Minderheiten wie etwa der LGBT-Community in Russland.

Positive Veränderung durch Engagement

Statt großer idealistischer Ambitionen sei es vielleicht sinnvoll, sich auf kleinere, dafür aber auch kurzfristig umsetzbare Schritte zu fokussieren: etwa die Möglichkeit, zivilgesellschaftliche Brücken zu bauen (z.B. über das Goethe-Institut in Russland) und die vielen guten Initiativen zu unterstützen, die im Umkreis des Fußballs immer wieder entstehen.

Auch der Abend im FC St. Pauli-Museum gehöre dazu: „Diese Diskussion wäre so in Russland nicht möglich gewesen“, hielten die Teilnehmer der anschließenden Podiumsdiskussion fest – und betonten, dass Veranstaltungen wie „Foulspiel WM“ auch in Deutschland ohne das konsequente und langjährige Engagement vieler Menschen nicht zustande kommen würden.

Podiumsdiskussion im Foyer des FC St. Pauli-Museums mit Ronny Blaschke, Nicole Selmer und Ingo Petz (von l.n.r.). Foto: Andrea Plagemann

Podiumsdiskussion im Foyer des FC St. Pauli-Museums mit Ronny Blaschke, Nicole Selmer und Ingo Petz (von l.n.r.). Foto: Andrea Plagemann

Neben Ronny Blaschke waren nun auch Osteuropa-Experte Ingo Petz (u.a. Gründer der Initiative „Fankurve Ost“ – Klick) und Moderatorin Nicole Selmer (stellvertretende Chefredakteurin des Fußballmagazins „ballesterer“ / Wien – Klick) auf dem Podium präsent – und forderten mehr gesellschaftliche Verantwortung auch von den Medien.

Auch Medien, Wirtschaft und Verbände in der Verantwortung

„Vor großen Sportereignissen beschäftigen sich Fernsehsender, Zeitungen und Onlineportale durchaus auch kritisch mit allen Akteuren“, so eine Beobachtung: „Mit dem Anpfiff lässt das nicht nur nach – sondern es sinkt auf null. Plötzlich soll der Fußball wieder schön unpolitisch bleiben.“

Eventuell könne ausgerechnet die Kommerzialisierung des Fußballs neben den bekannten negativen Erscheinungen einen Hebel für positive Veränderungen darstellen: Als Sponsoren kämen an sich nur globale Marken in Frage – und die wiederum fürchten negative PR. Die vergleichsweise schwache Sponsorenresonanz in Russland könnte ein Zeichen dafür sein.

Neben Fans, Vereinen, Medien und Wirtschaft seien auch die Verbände gefragt – die Frage, ob man den DFB nicht auch gesellschaftlich stärker in die Pflicht nehmen solle, sei trotz des durchaus vorhandenen Engagements mehr als berechtigt.

Spannenden Lesestoff rund um die WM, u.a. mit Beiträgen von Ronny Blaschke und Ingo Petz, bietet das Buch „Doppelpass mit Russland. Ein Reiseführer in die russische Fußballkultur“. Als PDF kostenlos HIER erhältlich!

Mehr über das FC St. Pauli-Museum und 1910 e.V.: Klick!

Mehr über umdenken e.V.: Klick!

Mehr über das Zentrum deutsche Sportgeschichte: Klick!

Fotos: Andrea Plagemann, Thomas Glöy

(cn)

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