{} }
Zum Inhalt springen

„Eine große Bereicherung meines Lebens“

Fast 31 Jahre lang war Rainer Wulff die Stimme des Millerntors, ehe er zum Ende der Saison 2016/17 das Stadionmikrofon weitergereicht hat. Im großen Abschiedsinterview blickt der 74-Jährige nicht nur auf seine Zeit als Stadionsprecher zurück, sondern verrät auch, warum er aufgehört hat.

Moin Rainer, bei Deiner Verabschiedung hast Du gesagt: „Ich gehe dahin zurück, wo ich hergekommen bin!“ – woher bist Du denn gekommen bzw. bist Du zum FC St. Pauli gekommen und wann?

Ich bin erst Ende 1977 nach Hamburg gezogen. Zunächst war ich immer im Volkspark, weil ich als gebürtiger Hamburger aus der Kindheit noch eine emotionale Beziehung zum HSV hatte. Außerdem war ich ja beim NDR angestellt und musste dort arbeiten. Allerdings bin ich immer öfter ans Millerntor gegangen. Die unmittelbare Nähe zum Spielfeld hat mich einfach fasziniert. Mit der Zeit ist die Bindung an den FC St. Pauli gewachsen.

Dein Debüt als Stadionsprecher war am 9. Spieltag der Saison 1986/87, ein 5:1 gegen Rot-Weiß Oberhausen. Der FC St. Pauli war gerade Aufsteiger. Wie kam es genau dazu?

Ich habe den damaligen St. Pauli Präsidenten Otto Paulick bei einer der Premierenfeiern der Kleinkunstbühnen in der Deichstraße kennengelernt. Wir sind ins Gespräch gekommen und ich habe ihm erzählt, dass ich häufiger ans Millerntor gehe. Dann hat er diesen einen Satz gesagt, mit dem alles begann – ob ich mir denn vorstellen könne, bei einigen Spielen den Stadionsprecher zu machen. Das konnte ich und beim nächsten Heimspiel sollte ich mir das mal anschauen. Georg Volkert, der damals so was wie ein Mädchen für alles war, brachte mich auf die Tribüne und sagte zum damaligen Stadionsprecher, der über mein Kommen vorab nicht informiert gewesen war: „Das ist der Herr Wulff, der ab sofort bei den Spitzenspielen und bei den wichtigen Begegnungen im Einsatz sein wird. Sie machen den Rest.“ Mein Vorgänger stand – völlig zurecht – beleidigt auf und ging. Zum Glück hatte er mir eine Musikkassette dagelassen, denn ich musste ja spontan übernehmen.

Den Roar gab es 1986 schon am Millerntor, den Totenkopf noch nicht. Die Entwicklung zum politischen Verein begann gerade erst. Wie hast Du diese Zeit erlebt, als der „Mythos St. Pauli“ geformt wurde?

Am Anfang wurde so manche Entwicklung eher skeptisch beäugt. Der Jolly Roger zum Beispiel wurde nicht von allen sofort begrüßt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich meine erste Kappe mit dem Jolly Roger trug. Ich ging und gehe oft auf dem Ohlsdorfer Friedhof spazieren. Da haben mich die Leute schon kritisch beäugt. Ist ja auch irgendwie komisch, einen Totenkopf auf einem Friedhof spazieren zu tragen (lacht). Die Entwicklung, die der FC St. Pauli seit den späten 1980er Jahren genommen hat, war und ist eine große Bereicherung meines Lebens. In meiner Sprecherkabine war ich zwar in einer Beobachterrolle, aber auch immer im direkten Kontakt mit den Fans. Ich war mittendrin in einer historischen Entwicklung und das ist auch der Grund, warum ich so lange dabeigeblieben bin. Mit der Einführung der Videowand und solchen Dingen ist natürlich der Umfang größer geworden. Früher kam ich vor dem Anpfiff auf die Geschäftsstelle, wo ein paar Zettel lagen. Auf denen stand, was ich neben der Aufstellung und den Toren ankündigen sollte. Heute hingegen gibt es einen präzisen Ablauf, der mehrere Stunden vorbereitet werden muss. Sendepläne kannte ich aus meiner Radiozeit schon. Das hat mir natürlich geholfen.

Was hat sich sonst noch verändert im Stadionsprecher-Metier?

Mein Vorgänger kam noch im Blazer mit Gold- oder Silberknöpfen und sagte: „Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich heiße Sie im Namen des Präsidiums herzlich willkommen usw.“ – das war überall so. Ich war ja damals beim NDR im Unterhaltungsbereich tätig, deshalb habe ich versucht ein paar Entertainmentelemente einzustreuen, mal einen frechen Spruch zu bringen oder auch ein Tor anders anzusagen. Allerdings nahm der Entertainment-Charakter in den ganzen Stadien mit der Zeit deutlich zu. Bei Treffen mit den Fans wurde mir klar, dass man am Millerntor mehr in Richtung Ansage gehen sollte. Ich habe also meinen Stil immer im Zusammenwirken und im Austausch mit den Fans gefunden. Anregungen und Kritik flossen immer in meine Arbeit mit ein. Gerne hätte ich manchmal mit noch mehr Humor gearbeitet. Aber Ironie ist in einem großen Fußballstadion sehr schwierig. Es gibt immer jemanden, der etwas missversteht, und dann hat man im Nachhinein jede Menge Arbeit, um sich zu erklären.

In einem Abschiedsinterview dürfen Highlights keineswegs fehlen. Kannst Du ein Spiel herauspicken?

Das Pokalspiel gegen Hertha BSC in der Saison 2005/06! Immer noch. Weil es unerwartet war. Wenn ich außerdem an den Spielverlauf denke: Es stand ja erst 0:2, dann ging es in die Verlängerung. Ich hatte an diesem Tag ein Fernsehteam der Deutschen Welle im Schlepptau, die wegen der anstehenden Weltmeisterschaft eine Doku über Fußballbegeisterung in Deutschland gedreht haben. Eigentlich wollten die erst ein Heimspiel gegen Neumünster besuchen, um die Stimmung nach einem Heimsieg einfangen zu können. Hertha BSC? Das sei ja nix. Nach einer Niederlage sei ja die Stimmung so depressiv. Ich meinte nur: „Täuscht Euch da mal nicht.“ Dass dann so ein unerwarteter Sieg dabei herauskam, war natürlich großartig.

Ewald Lienen ließ es sich nicht nehmen und sagte Rainer Wulff kurz vor dessen offizieller Verabschiedung auch noch 'Tschüss'.

Ewald Lienen ließ es sich nicht nehmen und sagte Rainer Wulff kurz vor dessen offizieller Verabschiedung auch noch 'Tschüss'.

Thema Musik: Wie kamst Du eigentlich auf die Idee mit den Gästehymnen?

Ich weiß es tatsächlich nicht mehr ganz genau. Wir spielten damals „You’ll never walk alone“ und bei Auswärtsspielen habe ich mitbekommen, dass jeder Verein eine Hymne hat. Bei einem Heimspiel spielten wir schließlich die Hymne des Gastvereins. Es gab auch eine Zeit, wo die Stadionsprecher bestimmter Vereine mit mir zusammen am Millerntor die Aufstellung verlesen haben. Mit dem HSV gab es die Zusammenarbeit beispielsweise sehr lange, wir mussten ja teilweise unsere Spiele im Volkspark austragen. Als Gastgeber war ich dort Stadionsprecher und wir haben uns darauf geeinigt, beide Hymnen zu spielen. Es gab sogar mal eine Empfehlung der DFL, dass die Gästehymnen in jedem Stadion vor dem Anpfiff abzuspielen. Allerdings haben Schalke und Dortmund diesen Vorschlag strikt abgelehnt (lacht).

Hast Du eine Lieblingshymne?

„Eisern Union“ von Nina Hagen höre ich ganz gerne, weil ich Nina Hagen auch schon persönlich getroffen habe. Eigentlich haben wir die Gästehymnen ein Zeitfenster von zwei Minuten, damit wir die Lieder auch ausblenden können, falls sie zu schrecklich sind (lacht), aber „Eisern Union“ habe ich auch schon in voller Länge gespielt.

Die Oper ist neben dem Fußball Deine zweite Leidenschaft. Das kann man ja durchaus vergleichen oder?

Nun, eine Oper dauert meistens länger als 90 Minuten. Aber wie im Fußball passiert auf einer Bühne in einen bestimmten Zeitrahmen verdichtet ein großes Drama. Es gibt Hauptdarsteller und Nebendarsteller. Auch im Publikum geht es bei der Oper hochemotional zu. Das ist das Gemeinsame. Darüber könnte man wohl ganze Bücher schreiben, ich könnte das aber nicht (lacht). Und in der Opernszene gibt es erstaunlich viele Fußballfans. Ich werde auf den Opernfestivals, die ich besuche, immer angesprochen, was St. Pauli gerade so macht. Andersherum werde ich hier am Millerntor von Fans angesprochen, dass sie mich auf einer Operngala gesehen haben.

Am Millerntor gab es mal den Triumphmarsch aus der „Aida“ vor den Spielen. War das auch Deine Idee?

Nein, nicht wirklich. Den gab es ja auch in anderen Stadien. Ich habe unter die Aufstellung früher auch ein kurzes Stück aus der Wilhelm-Tell-Oper von Gioachino Rossini gelegt. So hatten wir ungefähr drei klassische Elemente. Das haben wir aber wieder sein lassen mit der Zeit, weil alle so etwas gemacht haben. Der Triumphmarsch flog zuerst aus dem Programm. Weil wir in Phasen, als es dem Verein schlecht ging, uns die GEMA-Gebühren nicht mehr leisten konnten, haben Plattenfirmen CDs zusammengestellt, die abspielen konnten. Das waren aber keine Hits, sondern Neuerscheinungen, die keiner haben wollte. Als ich den beruflichen Bezug zur aktuellen Pop- und Rockmusik verloren hatte, habe ich die musikalische Gestaltung der Spieltage abgegeben.

Wie oft musstest Du in Deiner Karriere improvisieren?

Natürlich immer wieder einmal, aber eine gute Vorbereitung ist alles. Wenn man ein gutes Korsett hat, kommt man immer wieder in den Sendeplan zurück. Feste Abläufe helfen natürlich auch. Wenn der Schiedsrichter um halb ins Stadion kommt, kann man ja nicht sagen: „Moment, wir sind noch nicht fertig.“ Beim Heimspiel gegen die Würzburger Kickers hatten wir ja während des Spiels einen Stromausfall. Das hatte ich auch noch nicht erlebt, obwohl ich das Programm vor dem Spiel irgendwann mal mit dem Megaphon bestreiten musste. Da muss man natürlich improvisieren. Was lässt man vielleicht weg im Programm, was kann man tauschen und so weiter. Man muss spontan entscheiden.

Du hörst auf. Warum eigentlich?

Als ich mein 30-jähriges Dienstjubiläum hatte und auf dem Platz und den Tribünen ein bisschen was für mich veranstaltet wurde, habe ich hinterher gedacht: 'Ach, das wäre doch jetzt ein wunderbarer Abschluss für Dich gewesen.' In der Winterpause habe ich mich dann dazu entschlossen aufzuhören. Oke Göttlich und Andreas Rettig habe ich informiert. Allerdings haben wir das Ende offengelassen. Geplant war das Saisonende. Mit einem Abstieg hätte ich nicht gehen wollen, dann hätte ich noch ein Weilchen weitergemacht. Nach dem Heimsieg gegen Heidenheim wurde mir langsam klar, dass es wohl eines meiner letzten Heimspiele als Stadionsprecher war (schmunzelt).

Und jetzt gehst Du auf die Tribüne zurück?

Ich habe ja eine Dauerkarte für ein Jahr geschenkt bekommen und hoffe, dass ich mich danach nicht in die Warteliste einreihen muss (lacht).

Rainer, herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!


Wenn Ihr noch weitere Geschichten von Rainer hören wollt, dann sei Euch die Millernton-Folge mit ihm sehr ans Herz gelegt: KLICK!

 

(jk)

Fotos: Antje Frohmüller / Witters

Anzeige

Congstar
Under Armour
Astra
Levi's
Under Armour
bwin
Jack Daniel's