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#Reingeluschert mit Marcel Beifus: Durchgeboxt

Colin aus dem Medienteam des FC St. Pauli "luschert" für Euch in den Alltag unseres Lieblingsvereins rein. Was geht neben den schweißtreibenden Trainingseinheiten und dem Ligabetrieb so bei unseren Kiezkickern und dem Team dahinter? Jetzt wird wieder #Reingeluschert - gerne auch mit einem Augenzwinkern. Für die VIVA St. Pauli zum Heimspiel gegenHannover 96 haben wir mal bei Abwehrspieler Marcel Beifus reingeluschert.

Es war 15:22 Uhr und die 91. Spielminute ist gerade angebrochen, als er zum zweiten Mal, an jenem 3. Oktober 2021, Millerntor-Luft schnuppern durfte. Zuvor waren es drei Minuten in der Schlussphase gegen den FC Ingolstadt 04. Die 14.773 Fans jubelten noch dem Torschützen zum 2:0, Guido Burgstaller, frenetisch zu, der unter dem Applaus den Platz verließ. Dabei wussten die Zuschauer*innen zu diesem Zeitpunkt nicht, dass Cheftrainer Timo Schultz mit Marcel Beifus denjenigen einwechselte, der sich als nächstes in die Torschützenliste für das Spiel gegen Dynamo Dresden eintragen sollte. "Schulle sagte mir, dass ich vorne drinbleiben soll", blickt der 19-Jährige an diesen besonderen Moment zurück.

Gesagt, getan. Nur wenige Zeigerumdrehungen später fand ein Zucker-Pass von Jakov Medić die Lücke in der Dynamo-Abwehr und den perfekten Laufweg von Beifus. "Ich habe noch gesehen, dass ein Verteidiger aufgerückt war und in diese Schnittstelle bin ich dann gegangen und war frei vor dem Torhüter. Keine Ahnung, ob man gesehen hat, dass ich nervös war und nachgedacht habe, wo ich hin schießen soll, aber am Ende ist es ja gut gegangen", lacht der Torschütze zum 3:0-Endstand heute. Der Jubel danach kannte beim aller ersten Profi-Tor keine Grenzen. "Mein Rücken war nach dem Spiel ganz rot, weil alle vor Freude draufgehauen haben", erinnert er sich zurück.

Eine fast schon märchenhafte Geschichte – besser hätten es die Drehbuchautoren dieser Welt auch nicht schreiben können und dass, obwohl Beifus gelernter Innenverteidiger ist. Ja, richtig gelesen, der 1,87 Meter große Abwehrspieler ist vergangenen Sommer von der zweiten Mannschaft des VfL Wolfsburg gekommen, um Tore zu verhindern, nicht in erster Linie, um sie selbst zu erzielen. Und dann braucht er nach seiner Einwechslung nur zwei Minuten, um direkt auf der Videoleinwand als Torschütze aufzutauchen. Ich bekomme schon bei FIFA Panik, wenn ich mich mal frei vors Tor spiele und dann in Millisekunden die falsche Entscheidung treffe. Bei Marcel kommt der "Torriecher" aber nicht von ungefähr.

"Als ich angefangen habe zu kicken, war ich ein richtiger Zocker und wollte immer Tore schießen. Auch in den ersten Jahren in der Jugend beim VfL Wolfsburg habe ich immer im Angriff gespielt. Das ging bis zur U14, als der damalige Trainer dann meinte, dass ich als Verteidiger größere Chancen hätte, den Durchbruch als Profi zu schaffen. Zähneknirschend habe ich das dann akzeptiert, auch wenn es mir die ersten Jahre nicht einfach gefallen ist, mal einfach mit dem Ball am Fuß komplett durchzulaufen", lacht der gebürtige Wolfenbütteler.

Erstes Profi-Tor im braun-weißen Trikot. Marcel Beifus jubelt nach seinem Treffer gegen Dynamo Dresden ausgelassen.

Erstes Profi-Tor im braun-weißen Trikot. Marcel Beifus jubelt nach seinem Treffer gegen Dynamo Dresden ausgelassen.

Na klar, wer erinnert sich nicht an diese legendären Solo-Läufe vom brasilianischen Weltmeister Lucio, vom eigenen Strafraum bis in die Box des gegnerischen Teams. Das kam mir immer so vor wie bei Mario Kart, wenn man diesen Stern als Item bekommen hat und dann in doppelter Geschwindigkeit sich einfach nach vorne durchboxen konnte. Vielleicht sah das ja bei Marcel damals genauso aus?

Durchboxen ist aber ohnehin ein gutes Stichwort, denn das „Durchboxen“ liegt bei Marcel in der Familie, im wahrsten Sinne des Wortes. "Gefühlt alle in meiner Familie sind passionierte Boxer. Meine Tante hat geboxt, mein Opa früher in Kasachstan ebenfalls, mein 14-jähriger Bruder Maxim hat in seiner Gewichtsklasse sogar im Finale um die Deutscher Meisterschaft geboxt, konnte aber krankheitsbedingt nicht antreten", berichtet Marcel. "Nur ich hatte immer den Ball am Fuß", lacht er. Die Unterstützung für das Vorhaben Vereins- und später Profifußball war aber in der Familie Beifus von Tag eins frenetisch vorhanden, wie Marcel berichtet: "Vor allem mein Opa und mein Vater fiebern bei jedem Spiel mit und haben mir in jungen Jahren immer Mut zugesprochen, dass ich den Schritt zum Profi schaffen kann. Gerade diese Worte habe ich vor allem immer dann im Kopf, wenn es mal nicht so gut läuft."

Ein großer Schritt ist es ohnehin, für einen 19-Jährigen jungen Profifußballer, sich in einem neuen Umfeld zurecht zu finden und das in einer Millionenstadt wie Hamburg. Das kenne ich, bestimmt auch der eine oder andere von Euch ebenso gut, wobei der Youngster in Sachen Hamburg auch hier den richtigen "Riecher" hatte. "Ein paar Wochen, bevor es den Kontakt mit dem FC St. Pauli gab, war ich einfach so mit einem Freund in Hamburg unterwegs und als wir uns mit einem Kaffee an die Alster setzten, da dachte ich schon so Mensch, das hätte was, hier zu leben", schmunzelt Marcel.

Die Eingewöhnung in der Hansestadt fiel ihm nicht schwer. "Von Wolfsburg aus konnte ich oft nach Wolfenbüttel in die Heimat pendeln. Jetzt ist es etwas weiter. Aber ich habe mich sehr gut eingelebt, da haben es mir die Teamkollegen auch leicht gemacht", betont er. Und eine aktive Freizeitbeschäftigung hat er ebenfalls. "In meiner Familie wird viel russisch gesprochen, da meine Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion kommen. Für tiefgründige Gespräche reicht es bei mir aber noch nicht so gut, deswegen schaue ich mir zuhause viele Videos, Filme, Serien und so weiter auf russisch an", erklärt er.

Am Ball bleiben, bei Fremdsprachen und auch im Verein ist Marcel quasi bilateral unterwegs. Neben den Profis kommt er nämlich auch in der U23 zum Einsatz. Insgesamt sieben Spiele bestritt er in der Regionalliga Nord für das Team von Cheftrainer Joachim Philipkowski. Und egal ob bei der U23 oder bei den Profis: Über weitere Offensivläufe mit anschließendem "Riecher" plus Torjubel von Marcel Beifus hätten wir alle sicher nichts dagegen. "Um so einen coolen Torjubel wie Kofi hinzubekommen, muss ich dann aber noch etwas üben", erzählt er mit einem Augenzwinkern.

 

(ch)

Fotos: FC St. Pauli / Witters

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