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"Die Diskussion darüber hilft uns auf vielen Ebenen"

Der FC St. Pauli arbeitet an einer besseren gender-paritätischen Besetzung seiner ehrenamtlichen Gremien und hauptamtlichen Führungsebene. Im Interview sprechen unsere Aufsichtsratsvorsitzende Sandra Schwedler und Michael Thomsen, Geschäftsleiter CSR, über den Weg dahin, Herausforderungen und Möglichkeiten.

 

Hallo Sandra und Michael, lasst uns doch mal mit dem Status Quo einsteigen. Wo steht der FCSP beim Thema Gleichberechtigung und Diversität aktuell? Welche Schritte wurden schon gegangen?

Sandra Schwedler: "Ich fange mal mit dem ehrenamtlichen Teil an. Es gab bei der Mitgliederversammlung 2019 einen Antrag, der angenommen wurde. Dabei ging es um die Frage, wie wir es schaffen, mehr Frauen in die Führungsgremien Aufsichtsrat und Präsidium zu bekommen. Dazu wurde eine Arbeitsgruppe einberufen, die neben der Antragstellerin Vertreter*innen aller Gremien sowie einen Vertreter aus dem Hauptamt beinhaltet. Es gab dann viel Recherche, diverse Workshops und eine Umfrage mit dem Ergebnis, dass wir nicht an einer Quote vorbeikommen, wenn wir zeitnah Veränderungen erreichen möchten. Wir haben aber auch gelernt, dass eine Quote allein nicht ausreicht. Deswegen gibt es auch darüberhinausgehende Maßnahmen. Jetzt warten wir darauf, dass wir die außerordentliche Mitgliederversammlung durchführen können. Dort wird diese Arbeitsgruppe Diversität einen Antrag einreichen, dass alle von der Mitgliederversammlung gewählten Gremien zu 30 Prozent mit Frauen besetzt werden müssen. Das ist eine Quote, mit der wir auch wirklich Veränderungen bewirken können. Es geht in diesem Kontext auch gar nicht ausschließlich um Frauen. Es hat sich aber herausgestellt, dass die strukturelle Diskriminierung auch für andere Betroffene abnimmt, wenn man zunächst mit der größten Gruppe anfängt."

Michael Thomsen: "Ich würde gerne ergänzend aus dem Antrag zitieren: 'Das Präsidium wird beauftragt, einen Plan zu entwickeln, wie eine 50-prozentige Quote auf Direktor*innen-Ebene bis 2025 unter Berücksichtigung aller arbeitsrechtlicher Rahmenbedingungen erreicht werden kann.' Das Arbeitsrecht ist die Besonderheit in diesem Satz. Durch die Wahl eines Gremiums ist eine paritätische Besetzung natürlich leichter umzusetzen. Deshalb ist die AG Diversität im Ehrenamt weitaus schneller als wir das sein können. Grundsätzlich finden aber alle den Antrag gut; das Präsidium hat dem zugestimmt, die Geschäftsleitung hat dem zugestimmt. Wir haben uns gemeinsam mit Kolleg*innen auf den Weg gemacht. Das nennt sich bei uns ‚Steuerungsgruppe Diversität‘ mit insgesamt 13 Teilnehmenden aus verschiedenen Bereichen, natürlich auch aus dem Personalbereich und Betriebsrat. Diese Gruppe ist aufgeteilt in vier Bereiche: Personalthemen, Unternehmenskultur, Regelwerk und Netzwerk. Dort werden aktuell die ersten wichtigen Schritte erarbeitet, auf die wir uns konzentrieren wollen. Ob wir die geschlechtergerechte Besetzung der Führungsebene mit einer Quote erreichen wollen und welche anderen flankierenden Maßnahmen es dafür braucht, gilt es aktuell herauszufinden. Wir möchten unbedingt bis 2025 deutliche Fortschritte erzielen. Wir wollen die Kultur verändern, darauf aufbauend nachhaltig geschlechtergerechtere Strukturen schaffen und dafür klare Prozesse in unserem täglichen Handeln definieren. Dazu gehört auch die Fragestellung, wie wir es umsetzen, dass mehr Frauen bei uns arbeiten möchten und wie wir darüber hinaus insgesamt diverser werden können. Da können wir weitaus mehr tun, um Zugänge zu erleichtern und den FC St. Pauli als Arbeitgeber für eine Vielfalt an Menschen in unserer Gesellschaft attraktiver zu machen."

Wie hat sich denn das Thema Corona auf all diese Prozesse ausgewirkt? Unter anderem musste ja die Mitgliederversammlung mehrmals verschoben werden.

Thomsen: "Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass der Antrag, der jetzt schon auf dem Tisch liegt, bereits 2020 beschlossen worden wäre. Aber das wird ja nachgeholt werden."

Schwedler: "Corona hat ein bisschen die Prioritäten verschoben, weil wir unter anderem zunächst schauen mussten, wie wir beispielsweise die Kurzarbeit geregelt bekommen. Zu Beginn der Pandemie standen andere Themen im Fokus. Ich freue mich aber sehr darüber, dass der Prozess in der Steuerungsgruppe dennoch gestartet wurde, sobald wieder Raum dafür war. Es ist ein wichtiges Zeichen, dass solche Themen nicht aufgrund der Situation vernachlässigt werden. Jetzt sind wir zuversichtlich, die Mitgliederversammlung im Herbst durchführen zu können. Ich finde es schön, dass wir bei diesem Thema vorangehen können, um zu schauen, wie es bei uns funktioniert, aber auch um Vorbild im Fußball zu sein."

Thomsen: "Ich glaube auch, dass uns die Diskussion um mehr gender-paritätische Besetzung auf vielen Ebenen hilft, weil wir uns darüber mit unseren Strukturen und unserer Kultur auseinandersetzen. Sich auf gesellschaftspolitische Diskussionen einzulassen, fördert auch den Weiterentwicklungsprozess einer Organisation. Da gilt den Kolleg*innen, die das Thema trotz der Pandemie vorangetrieben haben, ein großer Dank."

Seit 2018 ist Michael Thomsen beim FC St. Pauli als Geschäftsleiter CSR tätig.

Seit 2018 ist Michael Thomsen beim FC St. Pauli als Geschäftsleiter CSR tätig.

Wie versteht Ihr den Begriff Kultur in diesem Zusammenhang?

Thomsen: "Wie reden wir miteinander, wie gehen wir miteinander um? Ein Thema wäre zum Beispiel, wie wir es ermöglichen können, dass eine Mutter mit einem jungen Kind als Führungsperson eingebunden werden kann. Das sind spannende Fragen, weil dann die anderen Themen der Diversität automatisch auch kommen. Wir müssen irgendwo anfangen und deshalb sind die Impulse aus der Mitgliederversammlung wahnsinnig wichtig. Das ist ein sehr wertvolles Gut, was uns im Hauptamt trägt."

Schwedler: "Ich glaube, dass eine Veränderung im Denken und Handeln auch viel Raum für Männer öffnet, die nicht einer bestimmten gesellschaftlichen Rollenerwartung entsprechen. Die nicht dem Klischee des kräftigen, lauten, immer selbstsicheren, harten Mannes entsprechen. Es kommt manchmal ein bisschen zu kurz, dass es in dieser Diskussion um viel mehr als nur Frauen geht."

Corona war und ist sicher eine Herausforderung in diesem Prozess, sich arbeitsrechtlich sauber aufzustellen eine andere. Was fällt Euch darüber hinaus noch ein?

Schwedler: "Ein Argument, das man immer wieder hört, lautet, dass eine Quote eine Diskriminierung von Männern bedeuten würde. Das finde ich spannend, weil es zeigt, wie männlich geprägt unsere Sicht auf die Welt eigentlich ist. Dabei wird ja niemandem etwas weggenommen, wenn versucht wird, über eine Quote ein strukturelles Ungleichgewicht auszugleichen. Diese Prägung wird in vielen Bereichen sichtbar. Einer Kanzlerkandidatin werden andere Fragen gestellt als einem Kandidaten. Wir schieben Menschen in verschiedene Rollenschubladen. Unsere Herausforderung ist, das zu hinterfragen und zu gucken, wie wir das verändern können."

Thomsen: "Im Zuge dieses Prozesses müssen auch wir Männer als Angestellte des Vereins uns hinterfragen. Das ist sehr spannend. Ich möchte auch noch etwas zum arbeitsrechtlichen Prozess sagen. Ob auch im Hauptamt eine Quote kommt oder nicht, würde ich nochmal dahingestellt lassen wollen. Dazu berät uns die Steuerungsgruppe und dem, was dort entwickelt wird, möchte ich nicht vorgreifen. Aber eine Frage ist, wie wir mit bestehenden Arbeitsverhältnissen umgehen. Wir wollen und können ja nicht jemandem kündigen, weil er eben männlich ist. In meinen Augen ist das ein langwieriger Prozess, der nicht von heute auf morgen umgesetzt wird. Wir sind ein Verein mit vielen unterschiedlichsten Bereichen, mit ganz unterschiedlichen Arbeitsbereichen und entsprechend auch -kulturen. Die möchten und müssen wir mitnehmen, damit sich die Gesamtorganisation entwickelt."

Schwedler: "Ich kann auch verstehen, dass es gewisse Ängste gibt. Das hat auch gar nichts mit männlich oder weiblich zu tun, sondern eher damit, dass sich etwas ändert. Mich betrifft das ja auch. Als einzige Aufsichtsratsvorsitzende ist es ja auch ganz bequem, weil ich immer diejenige bin, die gefragt wird. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass das anders wäre. Aber vor zehn Jahren hätte ich diese Frage anders beantwortet. Da hätte ich gesagt, dass auch andere Frauen in diese Position kommen können, wenn sie wollen – man sieht es ja an mir. Mittlerweile glaube ich aber nicht mehr daran, dass es von alleine passiert. Es braucht Support. Dieses Beispiel soll aber eigentlich nur zeigen, dass es nicht so simpel ist, dass Frauen von Männern diskriminiert werden. Sondern wir alle haben durch unsere Prägung ein bestimmtes Weltbild. Das muss ich reflektieren und hinterfragen können. Auch ich denke bei manchen Positionen nur an Männer, weil es in meinem Kopf nicht vorkommt, dass das auch eine Frau machen könnte. Das Muster gilt übrigens bei allen Diskriminierungsformen."

Thomsen: "Wir reden beim Fußball von einem Bereich, der auf dem Feld, in den Kurven, in den Funktionärs- und Geschäftsebenen komplett männlich dominiert ist. Das spiegelt sich natürlich auch im Arbeiten wider. Ich glaube, das zieht sich in allen Bundesligavereinen und auch international durch. In den Verbänden kann man das auch beobachten. In der DFB-Spitze gibt es eine Frau, bei der DFL keine. Deshalb ist es gut, wenn wir bei uns anfangen, uns zu reflektieren."

Schwedler: "Die einzige Frau an der DFB-Spitze ist übrigens für Frauenfußball zuständig. Es heißt noch immer Fußball und Frauenfußball. Wenn wir von Fußball reden, denkt man automatisch an die Herren-Bundesliga. Da findet schon eine gewisse Wertung statt. Wir als FC St. Pauli versuchen, etwas zu verändern, gestehen uns aber auch zu, noch nicht alles perfekt zu können. Das fängt damit an, die richtige Sprache und die richtigen Bilder zu finden. Schön ist dabei, dass dieser Ansatz der Veränderung bei uns von der Mitgliedschaft, über die Mitarbeiter*innen bis hin zur Führungsebene gelebt und mitgetragen wird."

Seit 2014 ist Sandra Schwedler Aufsichtsratsvorsitzende beim FC St. Pauli.

Seit 2014 ist Sandra Schwedler Aufsichtsratsvorsitzende beim FC St. Pauli.

Sandra, Du bist in diesem Kontext privat auch über den FC St. Pauli hinaus vernetzt. Kannst Du Dein Engagement erläutern? Und worin unterscheidet es sich davon, was beim FCSP passiert?

Schwedler: "Dadurch, dass es nur wenige Frauen im Profi-Fußball-Business gibt, läuft man sich doch immer wieder über den Weg. Darüber haben wir festgestellt, dass uns alle der gleiche Gedanke antreibt, nämlich dass wir uns mehr Frauen im Fußball und mehr Anerkennung für die Frauen, die Fußball spielen, wünschen. So entstand die Idee eines gemeinsamen Papiers mit Forderungen. Das war ein interessanter Prozess, weil alle, die daran beteiligt sind, andere Hintergründe und Erfahrungen haben. Wir haben uns da langsam rangetastet, um eine gemeinsame Haltung zu entwickeln. Das Forderungs-Papier ist das Ergebnis davon. Wir haben aber von Anfang an gesagt, dass es mehr Öffentlichkeit und mehr Druck braucht. Unterschrieben haben das Papier neun Frauen, die in bestimmten Bereichen des Fußballs jeweils eine besondere Rolle innehaben und dadurch schon in der Öffentlichkeit stehen. Es war aber nie eine Reaktion auf das, was momentan beim DFB passiert. Wir haben mit DFB und DFL vorab gesprochen und auch unsere Bereitschaft signalisiert, mit unserer Expertise mitzuarbeiten. Für mich bedeutet das: Mitarbeiten an der Veränderung, Verantwortung für die Veränderung zu übernehmen – aber nicht um sich irgendwelche Posten zu sichern."

Vielen Dank Euch beiden schon bis hierhin. Gibt es noch Aspekte, die darüber hinaus noch erwähnt werden sollten?

Thomsen: "Wenn es denn für den Profifußball etwas Positives an Corona gab, dann dass Themen gesetzt worden sind, gerade auch aus den Fanszenen und anderen Institutionen heraus. Da geht es darum, die Relevanz des Fußballs kulturell, gesellschaftlich und politisch abzubilden und zu schärfen. Dazu zähle ich auch das Papier von Sandra und ihren Kolleginnen, die Positionspapiere des FC St. Pauli, der AG Zukunft Profifußball und die Taskforce Ergebnisse der DFL. Wir haben jetzt die Chance, im Profifußball Themen zu betrachten, die vor Corona vielleicht nicht so gangbar gewesen wären. Diese Sensibilisierung ist wichtig, um die Relevanz des Sports deutlich zu machen. Denn kaum etwas ist so divers wie Fußball. Wo sonst kommen 30.000 Menschen zusammen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen, unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen, Geschlechtern, sexuellen Orientierungen, unterschiedlichen Alters und so weiter, um gemeinsam etwas zu feiern und dabei zu sein. Das abbilden zu können und auch in die Gesellschaft hinein wirken zu können, ist die Stärke des Fußballs. All die unterschiedlichen Forderungen, die man unter Diversität subsummieren kann, wie die gender-paritätische Besetzung, die bewusste Verwendung von Sprache, Gehaltstransparenz, die konsequente Sanktionierung von Sexismus und Diskriminierung, müssen wir als Verein als unsere Verantwortung mitnehmen. Das sind die Themen, wo wir als Verein gefordert sind, um zu gucken, was am besten zu uns passt. Und um auch noch mal auf das eben genannte Papier zurückzukommen: Ob wir die 30-Prozent-Quote wie dort gefordert bis 2024 umsetzen können – da gib uns bitte noch ein bisschen Zeit, Sandra. Beim FCSP haben wir uns 2025 vorgenommen. Aber es ist sehr positiv, dass diese Themen vorangetrieben werden."

Schwedler: "Im Papier steht 2024 und natürlich schreiben wir da etwas hin, was sehr wünschenswert ist, auch wohlwissend, dass es vielleicht so nicht überall umsetzbar ist. Darum geht es aber auch nicht. Ich würde mir wünschen, dass die Diskussion nicht darüber geführt wird, ob es jetzt zum 31. Dezember 2024 oder zum 31. Dezember 2025 passieren wird. Wenn wir anfangen, darüber zu diskutieren, verändert sich nichts. Das Forderungspapier, was ich als Privatperson unterschrieben habe, darf gerne auch in solch minimalen Punkten von unseren Zielen im Verein abweichen. Aber von den acht Forderungen betreffen sieben die Vereine und bei allen sieben ist der FCSP bereits schon auf dem Weg. Das freut mich ungemein."

Vielen Dank für das Gespräch!

 

(hbü)

Fotos: FC St. Pauli

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