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"Das Statement ist wichtiger denn je" - Interview mit Sven Langner & Sven Brux

Am Sonntag (16.5.) werden die Profis des FC St. Pauli das letzte Heimspiel der Saison 2020/21 gegen Hannover 96 in einem Sondertrikot bestreiten. congstar macht erneut die Werbefläche auf der Brust frei, wo statt des Logos des Hauptsponsors der Slogan "Kein Fußball den Faschisten" zu sehen sein wird. Im Gespräch mit Sven Langner vom Fanladen St. Pauli und Sven Brux, dem ehemaligen Fanbeauftragten und heutigen Leiter Spieltagsorganisation & Fanangelegenheiten, wollten wir der Herkunft und aktuellen Relevanz des Statements auf den Grund gehen.

Moin Sven und Sven, danke dass Ihr Euch die Zeit nehmt, mit uns darüber zu sprechen, wie der Slogan "Kein Fußball den Faschisten" Teil der DNA des FC St. Pauli und seiner Fanszene wurde. Das ist ja nicht über Nacht oder per Dekret passiert, sondern auf eher organische Art und Weise. Könnt Ihr Euch noch erinnern, wo Euch der Slogan zum ersten Mal begegnet ist?

Sven Brux: "Ich glaube, da muss man etwas weiter ausholen, welche Slogans aus politischen Bewegungen adaptiert und dann beim FC St. Pauli eingeführt wurden. 'Kein Fußball den Faschisten' ist ja noch relativ neu. Im Original hieß es 'Kein Fußbreit den Faschisten' und kommt aus der antifaschistischen Bewegung. Da lag es dann nahe, aus 'kein Fußbreit' 'kein Fußball' zu machen. Es lohnt sich aber auch der Blick noch weiter zurück, denn der erste Slogan dieser Art beim FC St. Pauli stammt aus der Mitte der 80er-Jahre. Nach dem Wiederaufstieg aus der 3. in die 2. Liga hieß es 'Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus. Nie wieder 3. Liga.'. Damals noch nicht als Sprechchor aus der gesamten Gegengerade, sondern aus dem recht kleinen sogenannten Hafenstraßen-Block. Das war das erste Mal, dass überhaupt so ein Thema im Stadion aufgetaucht ist. Später gab es dann natürlich viel mehr – bis hin zu 'Kein Fußball den Faschisten', den wir ja auch als Schriftzug auf der Gegengerade sehen."

Sven Langner: "Ich erinnere mich daran, dass der FC St. Pauli dem Fanladen zum 15. Geburtstag die Bande geschenkt hat mit dem Slogan 'Kein Fußball den Faschisten' und dem Fanladen-Logo. Die hing damals unter Block 1 in der Gegengerade und ist dann mit der Rekonstruktion des Stadions prominent in die Mitte der Gegengerade gewandert, wo sie heute bei den Sprecherplätzen des AFM-Radios hängt."

Max Dittgen im Auswärtstrikot für die Saison 2021/22 mit Sonderschriftzug des Fanladen St. Pauli

Max Dittgen im Auswärtstrikot für die Saison 2021/22 mit Sonderschriftzug des Fanladen St. Pauli

Ist das eigentlich exklusiv bei St. Pauli oder wird der Spruch auch bei anderen Vereinen genutzt?

Brux: "In einer derart prominenten Darstellung im Stadion ist das sicher recht exklusiv bei uns. Spontan wüsste ich auch keinen Verein, der genau diesen Slogan irgendwo hat. Slogans gegen Rassismus findet man ja von vielen Vereinen und Fanszenen, aber genau diesen Slogan habe ich woanders nicht gesehen. Du, Sven?"

Langner: "Es kann sein, dass das als Transpi mal in der einen oder anderen Kurve hing, aber da bin ich mir nicht sicher. Ich habe mich aber zur Vorbereitung auf dieses Gespräch mal umgehört und folgende Geschichte erfahren: Ein damals junger, aufstrebender Fanladen-Mitarbeiter, der auch heute noch im Trägerverein aktiv ist, habe den Spruch gegen Anfang/Mitte der 2000er-Jahre von einem TeBe-Aufkleber auf dem Herren-WC im Keller des Fanladens in der Brigittenstraße ‚entliehen‘. So wanderte er auf verschiedene Fanartikel und später auf die Bande in der Gegengerade, womit er sich im Laufe der Jahre etablierte."

Etabliert trifft es sicher ganz gut. Merkt ihr denn auch, dass der Spruch bei den eher weniger politischen Stadiongänger*innen, Partnern und Sponsoren angekommen ist?

Brux: "Mir sind gerade kürzlich entsprechende Sticker in einer Loge aufgefallen. Also offensichtlich findet auch der eine oder andere Sponsor oder Partner dieses Statement gut."

Langner: "Ich denke auch, dass der Slogan am Millerntor inzwischen komplett etabliert ist. Mir ist auch nicht bekannt, dass da in den letzten Jahren Widerspruch gekommen wäre."

Nach der Tribüne schaffte es der Slogan dann 2016 erstmals auch auf das Trikot der Profis. Das ging damals auf die Initiative des Fanladens zurück, richtig?

Langner: "Wir sind damals mit dieser Idee an den FC St. Pauli herangetreten und der Verein war direkt begeistert. Es hat halt ein bisschen Arbeit gebraucht, um auch die DFL mit ins Boot zu holen. Congstar hat auch damals die Brust freigemacht und der Slogan war dann zum ersten Mal auf dem Trikot zu lesen – anders als dieses Mal leider noch ohne das Fanladen-Logo, weil das von der DFL nicht genehmigt wurde. Am Ende des Jahres wurde der Fanladen mit dem Julius-Hirsch-Preis vom DFB ausgezeichnet, in erster Linie für die Aktionswochen rund um den Holocaust-Gedenktag, aber auch in Verbindung mit dem Slogan auf dem Trikot."

Christopher Buchtmann im Sondertrikot: 2016 noch ohne Fanladen-Logo

Christopher Buchtmann im Sondertrikot: 2016 noch ohne Fanladen-Logo

Fünf Jahre später gibt es wieder ein Sondertrikot. Das ist jetzt sehr naiv gefragt, aber hat man nicht auch immer die Hoffnung, dass sich so ein Thema aufgrund des Engagements irgendwann mal erledigt hat, weil die Gesellschaft eine bessere geworden ist?

Langner: "Selbstverständlich würde ich mir das wünschen, aber ich denke, das Statement ist im Moment wichtiger denn je. Wir haben in den letzten Jahren einen gesellschaftlichen Rechtsruck erlebt, bis hin zu Morden durch Nazis und Rechtsterroristen. Dazu gibt es weiterhin Alltagsrassismus, der oftmals unter dem Radar läuft, aber umso mehr Menschen betrifft. Deswegen ist es wichtig, weiter wachsam zu bleiben, hinzugucken und einzuschreiten. Schön wäre es natürlich, wenn sich der Spruch eines Tages überlebt hätte. Zumal Antifaschismus demokratischer Grundkonsens sein sollte."

Wie hilft euch denn so eine Aktion wie mit den Sondertrikots, um Aufmerksamkeit für die Botschaften und eure Arbeit im Fanladen zu diesem Thema zu schaffen?

Langner: "So ein Slogan hilft, weil er die Botschaft auf eine einfache Art transportiert. Aber es steckt natürlich viel mehr dahinter. Wir positionieren uns mit Fanszene und Verein selbstverständlich gegen jegliche Formen von Diskriminierung und leisten konkrete Arbeit in diesem Bereich. Z.B. organisieren wir seit 2010 die jährlichen Veranstaltungen zum internationalen Holocaust-Gedenktag. Darüber hinaus bieten wir regelmäßig Gedenkstättenfahrten und entsprechende Bildungsarbeit an. So ein Slogan verkürzt natürlich und ist dadurch in der Lage, auf breiter Ebene ein Bewusstsein für die Thematik zu wecken."

Brux: "So ein Statement von offizieller Seite, also im Rahmen der Stadion-Infrastruktur oder auf dem Trikot der Mannschaft, hat bei vielen Leuten, die nicht in der Szene sind, eine andere Glaubwürdigkeit, als wenn das von einer Fan-Organisation kommt. Nach dem Motto: Wenn mein Verein das auch sagt, ist das sicher eine gute Sache."

Wie drückt sich das denn konkret aus?

Langner: "Dadurch, dass der FC St. Pauli das 2016 auf seinen Trikots hatte, bekam das Thema eine bundesweite Aufmerksamkeit. Und es gab von verschiedenen Seiten gesteigertes Interesse, dann auch zu erfahren, was dahintersteckt. Andere Vereine machen ja auch ähnliche Aktionen und ich könnte mir schon vorstellen, dass wir da ein bisschen Vorbild oder Triebfeder waren."

Brux: "Durch die Macht der Bilder werden Botschaften schneller und eindringlicher transportiert. Mir begegnen zum Beispiel oft internationale Berichte darüber, wie Menschen Fans vom FC St. Pauli wurden. Die werden dann oft mit diesen Trikots oder Banden bebildert. Das wirkt anders, als wenn die Botschaft irgendwo im Fließtext steht und bringt Menschen dazu, sich mit dem Verein und seinen Werten auseinanderzusetzen."

Langner: "Wir müssen ja davon ausgehen, dass die meisten internationalen Fans aufgrund der politischen Haltung des Vereins und der Fanszene zum FC St. Pauli gefunden haben. Die sportlichen Erfolge werden es wahrscheinlich nicht gewesen sein."

Vielen Dank für das Gespräch!

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Das Sondertrikot ist limitiert und ab sofort für 69,95 Euro online bestellbar. Über den Verkauf wird auch eine Gedenkstättenfahrt finanziert und so die Arbeit des Fanladen St. Pauli unterstützt. Aktuell ist eine Fahrt leider nicht uneingeschränkt möglich. Der Fanladen wird, sobald sich die Gedenkstättenfahrt absehbar planen lässt, Details auf seiner Homepage und den Social-Media-Kanälen veröffentlichen.

 

(hbü)

Fotos: FC St. Pauli / Witters

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