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Großer Zuspruch und intensiver Diskurs bei "(M)Ein Verein"

Der FC St. Pauli und der Fanladen hatte Fans und Mitglieder zur Veranstaltung „(M)Ein Verein – Die Werte des FC St. Pauli“ mit dem Themenschwerpunkt „Derbyaufarbeitung“ eingeladen und rund 800 Menschen kamen in den Ballsaal der Südtribüne zu einem Abend mit kritischem Diskurs zu den Geschehnissen beim Duell gegen den Hamburger SV.

"Ich finde es wunderbar, dass so viele Menschen heute hier sind. Das darf gerne auch so weitergehen, wenn nichts Schlimmes passiert ist. Nur dann bleibt der Verein so bunt und vernünftig“, freute sich Präsident Oke Göttlich über die vielen BesucherInnen.

Zu Beginn der Veranstaltung, die von Maleen Schero (Fanladen) und Michael Thomsen (Leiter CSR) moderiert worden war, machte der Präsident des FC St. Pauli in seinem Eingangsstatement bereits deutlich, dass der Verein im Rahmen des Derbys drei Dinge habe nicht tolerieren können: Das Abbrennen von Pyrotechnik, das beinahe zum Spielabbruch führte, Gewalt untereinander und der Eingangssturm an der Südkurve. Daher sei es notwendig gewesen, einen Maßnahmenkatalog zu erstellen.

Er stellte zudem heraus: „Bezüglich des öffentlichen Drucks war die Situation nach dem Derby mit anderen schwierigen Situationen nicht vergleichbar. Es waren vernünftige, gute und selbstkritische Gespräche. Es wurde Verantwortung übernommen und auf Augenhöhe gesprochen. Wir als Präsidium übernehmen die Verantwortung für den gesamten Verein. Die Südkurve ist ein Teil, daher müssen wir zu einem vernünftigen Austausch kommen.“ Dennoch bleibe hier auch festzuhalten, dass die Vorkommnisse des Derbys dem Verein bisher ungefähr 100.000 Euro kosten werden, ergänze Göttlich.

Im weiteren Verlauf der Veranstaltung stellte Sven Brux, Sicherheitschef beim FC St. Pauli, die Vorkommnisse beim Derby dezidiert dar. Am Vorabend des Derbys hatten St. Pauli Fans versucht, auf die andere Seite der Reeperbahn und somit zu HSV-Anhängern zu gelangen, was aber misslang. Am Spieltag kam es rund 40 Minuten vor dem Spiel zu einem Überrennen des Eingangs Süd, initiiert durch rund 50 Leute, denen sich etwa weitere 200 Fans anschlossen. „Zudem hat es einen geplanten Angriff auf den Mannschaftsbus des HSV gegeben. Der ist mit Eiern und Flaschen beworfen worden. Zum Glück wurde niemand verletzt“, so Brux.

Der Sicherheitschef schilderte den Einsatz von Pyrotechnik, insgesamt seien 73 pyrotechnische Artikel gezündet worden. Durch das Abbrennen der Pyrotechnik wurde das Spiel insgesamt sechs Mal unterbrochen, wobei drei Unterbrechungen dem FC St. Pauli zur Last gelegt worden sind. Darüber hinaus kritisierte Brux das Präsentieren von gegnerischen Fanutensilien und die Gewalt von St. Pauli Fans untereinander. „All diese Dinge, bis auf das zeigen von Fanartikel und das abschießen von Clips, sind alle Dinge bereits vorgekommen, aber noch nie kumuliert in einem Spiel“, erklärte Brux.

Nach den Ausführungen zu den genauen Geschehnissen erläuterte Oke Göttlich den Prozess der Aufarbeitung von der ersten Stellungnahme, Gesprächen zwischen Gremien, Fanladen, einzelnen Gruppen, der Polizei und der Sicherheitskräfte bis hin zum Maßnahmenkatalog, der vom Präsidium verabschiedet, dem Aufsichtsrat vorgelegt und Ultra Sankt Pauli mitgeteilt worden ist.

„Wir standen unter Druck von verschiedenen Interessengruppen und mussten bei all diesen Gruppen Verantwortung für die Themen übernehmen. Wir sind im Austausch mit DFL und DFB und setzen uns für jugendkulturelle und fankulturelle Belange stark ein. Wenn Leute uns nun Kontrollverlust vorwerfen, haben wir keine Argumente mehr, wichtige Punkte anzubringen. Die Maßnahmen sind für uns aus einem Punkt richtig, für uns gilt der Schutzraum Stadion, in dem Respekt und Toleranz gelten. Da sind sehr viele Dinge passiert, die so nicht funktionieren."

Justus Peltzer vom Fanladen ordnete aus Sicht des sozialpädagogischen Fanprojekts die Geschehnisse ein und weitete gleich den Blick, in dem er von einem Flugblatt vorlas, das vor knapp 20 Jahren in der Fanszene kursierte. Auch da ging es um das Selbstverständnis des Vereins und der Fanszene, die Werte des Clubs. „Das Tauziehen um Werte und Grenzen gibt es schon sehr lange, das ist keine bahnbrechende Erkenntnis. Aber wir sollten uns das immer vor Augen führen. Was ist denn nun bei der FCSP-Fanszene so besonders? Der Raum zur Diskussion ist ein besonderer; sei es durch diverse Gremien, die verschiedenen Lokalitäten. Lasst uns den Abend nutzen, um ins Gespräch zu kommen", appellierte er an die Anwesenden.

Und diese Gelegenheit ließen die anwesenden Mitglieder und Fans nicht ungenutzt. Zentrale Aspekte waren unter anderem die Gründe für den Entzug von Karten in der Südkurve sowie die Frage nach der Anzahl der entzogenen Tickets. „Wir haben USP von den 300 Karten 100 bis auf weiteres entzogen“, erklärte Sven Brux, ergänzte aber: „Es war ein Vertrauensbruch und wir müssen sehen, wie sich das in Zukunft entwickelt. Wenn sich das Ganze positiv entwickelt, kann das auch wieder zurückschrauben.“ Und Oke Göttlich erklärte den Ansatz, warum es überhaupt zu einem Entzug der Karten gekommen ist: „Das verringerte Kartenkontingent geben der Gruppe die Möglichkeit mit einzelnen Leuten aus der Gruppe, die man schwerer erreichen kann, wieder ins Gespräch zu kommen. Dafür tragen wir die Verantwortung. Es gab einen Vertrauensbruch. Wir mussten eine härtere Gangart anlegen, nachdem wir in der Vergangenheit viele Dinge im Gespräch gelöst haben. Aber wir bleiben im Dialog.“

Darüber hinaus wurde die Frage aufgeworfen, warum in der ersten Stellungnahme das Präsidium, die Geschäftsleitung und der Aufsichtsrat als Unterzeichner aufgeführt waren, beim Maßnahmenkatalog aber lediglich von den Verantwortlichen gesprochen worden ist. „Das liegt daran, dass die Mitteilung zum Maßnahmenkatalog vom Präsidium und der Geschäftsleitung nicht aber von einem weiteren Gremium verfasst worden ist“, erklärte der Präsident.

In der zum Teil emotionalen Diskussion ging es zudem um die Rolle von USP in der Kurve, um das Verhältnis zwischen den Besuchern der Gegengerade und der Süd, um den Einsatz der Ordnungskräfte an den Eingängen sowie Sexismus und Gewalt in den eigenen Reihen. „Wenn in eurem Umfeld so etwas passiert, wendet euch an die Ordner oder an die Mitarbeiter des Fanladens“, appellierte Sven Brux an die TeilnehmerInnen Übergriffe direkt zu melden. Ein Teilnehmer brachte es hier auf den Punkt: „Gewalt untereinander geht überhaupt nicht.“ Darüber hinaus diskutierten die Anwesenden über die Werte und Grundsätze innerhalb der Fanszene und im Verein. Hieraus wurde auch der Wunsch abgeleitet, über eine Neuauflage des Fankongresses von 2009 nachzudenken. Auch das Thema Pyrotechnik nahm breiten Raum ein. Die Position von Präsidium und Geschäftsleitung zu akzeptieren, dass Pyrotechnik nicht zu verhindern sei und man daher schauen müsse, wie Pyrotechnik gezündet werden könne, ohne weitere Stadionbesucher in Mitleidenschaft zu ziehen, wurde von Teilen der Diskutanten mit Verweis auf die Stadionordnung nicht geteilt.

Weiter stellte sich im Verlauf der Diskussion heraus, dass sich die Unmutsäußerungen in Richtung der Südkurve seitens der Gegengerade während des Spiels gegen den Hamburger SV nicht gegen die komplette Südkurve oder explizit gegen die Gruppe Ultra St. Pauli richtete. Vielmehr war dies eine Reaktion auf eine Gruppe martialisch auftretender und teilweise vermummter Fans, die durch ihr Auftreten und das permanente Abrennen von Pyrotechnik den Zorn auf sich zog.

Auch die Pfiffe gegen die eigene Mannschaft wurden angesprochen und kritisch diskutiert. Geschäftsführer Andreas Rettig appellierte an die Anwesenden: „Wir haben mit nur drei Punkten Rückstand bei sieben ausstehenden Spielen noch alle Möglichkeiten den ganz großen Schritt zu machen, lasst uns deshalb den Schulterschluss hinbekommen und die Mannschaft alle gemeinsam unterstützen.“

 

(cp)

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