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„Der Fußball hat ein Glaubwürdigkeitsproblem“

Präsident Oke Göttlich hat am Freitag (18.11.) in einer Medienrunde Bilanz gezogen. Unter anderem ging es um die sportliche Entwicklung, aber auch um ein Glaubwürdigkeitsproblem des Profi-Fußballs und steigende Mitgliedszahlen beim FCSP. Dabei äußerte sich Göttlich über…

…die sportliche Entwicklung beim FCSP:

„Was wir 2022 im sportlichen Bereich darbieten, reicht nicht. Das ist intern allen klar. Es ist eine der großen Überschriften, unter der wir die Gespräche miteinander führen und Analysen betreiben. Analysen sind stetig notwendig. Nur mit Klarheit, Widerstandsfähigkeit und auch Kontroversen kann man in solche Analysen gehen. Es sind grundsätzlich absichtsfreie Analysen, die wir betreiben. Wir nehmen dabei keine Rücksicht auf Mehrheitsmeinungen oder Popularitäten. Es geht nur darum, wie wir unsere Ziele erreichen. Diese haben wir 2022 definitiv nicht erreicht. Wir lassen statistisch sehr wenige Torschüsse zu, wir feuern sehr viele ab, aber die Ergebnisse sind nicht da. Es ist eine sehr schwierige Analyse, wenn du statistisch viel richtig machst und eine mannschaftliche Geschlossenheit siehst, letztlich aber die Ergebnisse ausbleiben. Sehr intensiv werden wir die Frage besprechen, warum sich der FC St. Pauli gegen Widerstände so schwer tut – also gegen robust auftretende Mannschaften und gegen Rückstände. Wir haben sehr lange nach Rückständen und auch sehr lange auswärts nicht mehr gewonnen. Es hat uns als FC St. Pauli immer ausgezeichnet, aktivistisch und meinungsstark zu sein und gegen Widerstände anzugehen – gesellschaftlich oder auf dem Feld. Das ist das, was uns derzeit fehlt, nämlich der Punch. Es geht nicht darum, ob unser Sportchef und unser Trainer beliebt oder unbeliebt sind. Fakt ist, dass die Ergebnisse nicht da sind. Das wird auch so in der Deutlichkeit besprochen. Es ist jetzt Thema der sportlichen Leitung und des gesamten sportlichen Umfelds, mit Lösungen zu kommen, was jetzt zu verändern ist. Wenn die auf dem Tisch liegen, werden Entscheidungen getroffen und Maßnahmen ergriffen. Die Analyse ist anders als vor zwei Jahren. Da war unser Team rundzuerneuern. Das ist jetzt nicht der Fall. Wir haben dazu 13, 14 Spiele von 17 spielerisch dominiert, aber die Ergebnisse nicht geholt. Die Frage ist, wie spielen wir mal nicht netten Fußball und gewinnen dafür mehr Spiele.“

…die Kaderentwicklung:

„Wir haben drei Säulen: Verein, Profifußball und Wirtschaft. In den vergangenen acht Jahren ist der Spieleretat immer mindestens beibehalten worden - und ist sogar auch während der Corona-Jahre gestiegen. Auch das erklärt die aktuelle Unzufriedenheit. Wir hätten im Sommer durchaus noch einen Stürmer holen können, aber zu welchem Preis? Timo und Andreas haben sich zudem ganz klar darauf verständigt, dass Igor Matanović derjenige ist, auf den sie als Torjäger setzen. Das ist bislang nicht aufgegangen, was wir Igor nicht vorwerfen, wir stärken ihm weiter den Rücken. Ist das jetzt ein Fehler von Timo, oder ein Fehler von Andreas oder von Oke Göttlich? In den vergangenen drei Jahren haben wir mehr gute und uns helfende Spieler geholt als Spieler, die wir schnell wieder abgeben haben.“

…die Herausforderungen für den Profifußball:

„Der Profifußball im Allgemeinen hat nicht nur ein Glaubwürdigkeits-, sondern auch ein Wettbewerbsproblem. Durch das geschäftliche Gebaren des Profifußballs werden Menschen von diesem Sport abgestoßen. Das ist auch für den FC St. Pauli eine Herausforderung. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir auf einer Zuschauerwelle schwimmen können und die TV-Einnahmen wie bisher sprudeln. Der Fußball muss aufpassen, dass er seine Glaubwürdigkeit nicht verliert. Im Moment tut er alles dafür, die Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Die „Boykott Katar“-Transparente sind auch eine Demonstration der Fans, dass sie mit dem, was im Profifußball passiert, von der FIFA und UEFA bis zur DFL und dem DFB, nicht einverstanden sind. Das ist eine riesige Gefahr für die wirtschaftliche Tragfähigkeit des Profifußballs. Ich verstehe nicht, warum diese Gefahr von vielen Funktionären nicht erkannt wird. Die Antwort darauf ist fast immer: Wir brauchen mehr Investoren und mehr Geld, um international wettbewerbsfähig zu sein gegen andere Clubs, die von Staatsfonds getragen werden, oder gegen andere Sportarten und Ligen wie die NFL die NBA oder die Premier League, bei denen ein ganz anderes monetäres System dahintersteckt. Unsere Antwort ist nicht Geld, sondern fairer Wettbewerb mit klaren Regeln. Unsere beiden Ligen sind so attraktiv, weil die Leute wissen wollen, wie der HSV gegen den FC St. Pauli spielt, und zwar egal, welche Spieler konkret dort spielen. Die in den internationalen Wettbewerben ausgeschütteten Gelder machen die nationalen Ligen kaputt, weil diese fast immer an dieselben Clubs fließen.“

…die Fußball-WM in Katar:

„Die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar ist ein Systemfehler in der Vergabe, aus der man nun die richtigen Schlüsse ziehen muss. Die WM ist ein Brennglas auf eine Region und wie wir uns damit arrangieren und welche Haltung wir daraus politisch, gesellschaftlich und in unserem Familienkreis ableiten. Künftig müssten Menschenrechts-Standards bei der Vergabe von Großveranstaltungen im Sport grundsätzlich verpflichtend sein. Die letzten sportlichen Großevents wie die WM in Russland oder Olympia in China haben alle nicht zu stabileren politischen Zusammenhängen und der Stärkung von Menschenrechten geführt.“

...50+1: 

„Bis zur neuen Lizenzierungsrunde, also bis zum 15. März, muss eine Entscheidung getroffen werden, wie mit den Clubs, die bisher von der 50+1-Regel ausgenommen sind, umgegangen wird. Ansonsten wird es Klagen geben von Vereinen, die sich bisher an die Lizenzkriterien gehalten haben. Ich glaube, da ist man auf einem guten Weg, um dem Kartellamt eine Lösung zu präsentieren.“

…das Thema Nachhaltigkeit:

„Nachhaltigkeit ist jetzt ein „Lizenzierungskriterium light“. Das war ein großer Kampf. Bei den 36 Profivereinen sind die Möglichkeiten, die Vorgaben zu erfüllen, sehr unterschiedlich. Das gilt es zu berücksichtigen. Es gibt jetzt ein Übergangsjahr, dann wird es scharf geschaltet. Dann gibt es Sanktionen, wenn die Kriterien nicht erfüllt werden, aber noch keinen Lizenzentzug. Das käme dann ein Jahr später. Für uns ist das ein richtiger Schritt. Konkret werden von den Clubs verbindliche Nachhaltigkeitsziele verlangt und Nachhaltigkeits-Kennzahlen abgefragt. Darauf basierend werden die nächsten Kriterien definiert. Zudem muss eine Person für das Thema Nachhaltigkeit verantwortlich sein und ein Budget für Nachhaltigkeit muss nachgewiesen werden. Die Kosten, die mit der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele zusammenhängen, können in die Hunderttausende gehen. Das tut Zweitligisten schon weh. Ab 2023 erstellen wir beim FC St. Pauli auch eine Gemeinwohlbilanz.“

…das Stadion im Viertel und den Umgang mit Fans:

„Wir sind einer der ganz wenigen Vereine, die ein Stadion mitten in der Stadt haben dürfen. Das ist ein riesiges Privileg, das wir schützen müssen. Dazu bedarf es ständiger Gespräche mit verschiedensten Gruppen und Behörden. Auch wenn wir die Polizei und die Innenbehörde stark kritisieren auf Basis des unmittelbaren Polizeieinsatzes, den wir vor dem Stadtderby gegen den HSV im unmittelbaren Umfeld des Stadions gesehen haben und es definitiv ein Zeichen von Polizei-Brutalität gewesen ist, die unmittelbar an unserem Wohnzimmer stattgefunden hat, sind wir mit der Behörde, der DFL und auch dem HSV zusammen noch Anfang Dezember in Gesprächen, in denen wir das Thema Polizeipräsenz ganz generell besprechen werden. Die Polizeipräsenz bei Auswärtsspielen ist ganz grundsätzlich ein Thema. Es gibt inzwischen Erkenntnisse aus Baden-Württemberg, dass weniger Polizeipräsenz zu weniger Interventionen und weniger Fanausschreitungen führt. Der wesentliche Aspekt ist dabei das Schonen von Ressourcen, also von Steuergeldern und Überstunden der Polizisten.“

…die Mitgliederentwicklung und Förderung des Sports: 

„Wir haben – Stand 1. Oktober 2022 - mehr als 35.000 Mitglieder. Das ist phänomenal. Unter den Mitgliedern sind gut die Hälfte Nicht-Sportler*innen. Knapp die Hälfte sind sportlich aktive Mitglieder. Dazu haben wir weiterhin das brennende Thema, dass wir zu wenig Sportflächen für sie haben. Fehlende Hallenzeiten und dass wir keinen vernünftigen Frauenfußball-Trainingsplatz haben, ist ein Desaster.  Wir haben zudem keine geeignete Anlage, auf der unsere Frauen, unsere Junioren-Bundesligateams und die U-23-Mannschaft spielen können. Dabei ist es so immens wichtig, nach Corona die Kinder und Jugendlichen wieder in Bewegung zu bringen. Was wir da bloß der Gesellschaft an Gesundheitskosten antun. Die Politik ist angehalten, Sport maximal zu unterstützen, mit Sportstunden in den Schulen, Flächen und Bewegungsangeboten.“

 

(pg)

Fotos: Witters

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